Der Sachverständige im Spannungsfeld der Interessenlagen

Von: Christian Hoffmann, Kfz-Sachverständiger, Bad Salzuflen

Unfallschaden an einem VW Passat. (Foto: Christian Hoffmann)

Fortsetzung des Beitrags „Das Spannungsfeld der Sachverständigentätigkeit“ in Heft 6/2017

Im beruflichen Alltag hat es der Sachverständige primär mit Themen und Ansprüchen zu tun, die sich durch entsprechende Geldbeträge erfassen lassen.Im Hintergrund spielen aber auch alle möglichen Gefühlslagen mit. Kein Mensch findet es gut, wenn er nicht geachtet wird. Gerade bei Hakeleien um kleine Positionen kommt es dann zu unverhältnismäßigen Aufwendungen für den Sachverständigen.

Immer wenn es bei einer Auseinandersetzungzu unverhältnismäßigen Aufwendungen kommt, besteht der Verdacht, dass es nicht mehr wirklich um den Streitgegenstand geht. Mir istes schon passiert, dass ich wegen eines sachlich bedeutungslosen Schreibfehlers ein Gutachten korrigiert habe, nur um unnötigen Stress zu vermeiden,obwohl der unbedeutende Fehler nicht hätte korrigiert werden müssen. In solchen Situationen fragt sich fast jeder, worum es hier eigentlich geht.

Angriffe auf rein formale Fehler oder auf Umgangsformen (= das tut man nicht), zeigen fast immer, dass der Angreifer zur Sache selbst keine substanziellen Gegenargumente vorbringen kann.Bei einem Rechtsstreit sollte man das in der Art einordnen, dass jede Forderung auch auf formale Fehler überprüft wird, weil mitunter eine kleine formale Unsauberkeit ausreicht, um eine Forderung abzuwehren. Moralische Aspekte kommen da selten zum Zug.

Jeder unnötige Schriftverkehr ist als „unwirtschaftlich“ einzustufen, ebenso wie jedes unnötige Telefonat oder jede unnötige Nachbesichtigung. In kleinem Ausmaß gehört das zu den regelmäßigen „Verlusten“ im Sachverständigenbüro. Positiv betrachtet kann es sogar als ein Stück der Kundenpflege angesehen werden, aber meistens erzeugen die „unnötigen Aufwendungen“ nur Widerwillen und Stress.

Stress ist aber nicht grundsätzlich negativ.Wir lieben die Herausforderung, solange wir die Aussicht haben, eine Sache erfolgreich durchzustehen. Das gibt uns sogar eine Befriedigung undstärkt unser Selbstbewusstsein. Wenn aber Verärgerung oder das Gefühl einer Gefährdung aufkommt, haben wir negativen Stress. Bei dieser Gefühlslage ist nur noch bedingt eine besonnene Reaktion möglich, und dann sollte man besser nicht gleich antworten.

Um mit den vielfältigen Stresssituationenim beruflichen Alltag möglichst gut klarzukommen, sollte man die wesentlichen Stressfaktoren schnell erkennen und die Interessenlagen und Taktikender beteiligten Personen zumindest weitgehend durchschauen. Dann erkennt man meistens recht schnell, wie ein Angriff angelegt ist, worauf er zielt und wie er qualitativ einzuordnen ist.

Zum Beispiel kann sich der Angriff eines Rechtsanwalts sehr verletzend anhören, bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass der Anwalt lediglich mit allen Mitteln für seinen Mandanten kämpft. Das hat dann mit einer persönlichen Gegnerschaft überhaupt nicht zu tun, hier geht es fast immer nur um Verhandlungstaktik, mitunter aber auch nur um das Ansehen des Anwalts bei seinem Mandanten.

Wenn man die Angriffstechniken einmalgenauer betrachtet, kann man fast immer frühzeitig erkennen, in welche Richtung eine Auseinandersetzung laufen könnte. Sowie man die Taktikeines Angreifers durchschaut hat, ist man auch in der Lage, vorausschauend zu denken und vorsorglich zu handeln, und zwar, bevor man handeln muss. Niemand ist in jeder Situation souverän, und somit stehen wir auch immer wiedervor schwierigen Herausforderungen,die oftmals nicht fachlicher Natur sind.

Da es meistens um Geld geht, liegt es auf der Hand, dass insbesondere der Zustand eines Fahrzeugs vom Besitzer und vom Sachverständigen sehr verschieden eingeschätzt wird. Dann liegt Streit in der Luft, und oft stellt man dann auch noch nachträglich fest, dass man angelogen wird oder dass nur die halbe Wahrheit erzählt wird. In der Praxis ist es doch fast nie möglich, alle Informationen über die Einflussgrößen zu erhalten, welche sich auf den Wert eines Fahrzeugs auswirken können. Unzutreffende Grundlagen führen zwangsläufig dazu, dass die Ergebnisse in einem Gutachten allenfalls teilweise richtig werden können.

Liegen bei einer späteren Überprüfung des Gutachtens zusätzliche Informationen vor, dann müssen nachträgliche Korrekturen vorgenommen werden, was dazu führt, dass ein zusätzlicher Aufwand und ggf. auch Angriffe und Stress ausgelöst werden.

Die Verursacher eines Schadens haben häufig ein schlechtes Gewissen. Es nagt an ihnen, durch einen Fehler so viel kaputtgemacht zu haben. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass sie versuchen, ganz subjektiv den Schadensumfang möglichst klein darzustellen. Dazu kommt, dass Polizisten am Unfallort oftmals eine völlig unzutreffende Schadensschätzung äußern. Das kann dazu führen, dass der Sachverständige vom Schädiger einen empörten Anruf bekommt, bei dem es heißt, dass die ermittelte Schadenshöhe „doch wohl nicht sein könnte“. Auch die ermittelten Wiederbeschaffungswerte werden angegriffen, weil heute fast jeder bei den Internetportalen nachsehen kann, zu welchen Preisen Fahrzeuge angeboten werden.

Meistens sind es aber die Geschädigten selbst, die gerne einen höheren Wiederbeschaffungswert bescheinigt haben wollen, weil irgendwelche ähnlichen Fahrzeuge zu unrealistischen Preisen angeboten werden.

Fallbeispiel 1: Ein ganz alltäglicher Fall

Fahrzeug: VW Passat 2,0 TDI DSG Comfortline, Erstzulassung 20.04.2015, 2. Hand, Laufleistung am 27.10.2017 (= Schadenstag): 62.680 km

Schaden vorn rechts und hintere Stoßstange

Reparaturkosten laut Kalkulation: 11.355,65 € inkl. MwSt.

merkantiler Minderwert: 800,00 €

Wiederbeschaffungswert: 22.200,00 € inkl. MwSt. (regelbesteuert)

Restwert (Höchstgebot): 10.510,00 € (Endpreis bei Verkauf als Privatfahrzeug)

Probleme im Rahmen der Gutachtenerstellung

1. Der Geschädigte wollte sein Fahrzeug möglichst schon abstoßen, bevor das Gutachten fertiggestellt war. Angeblich hatte er jetzt eingestörtes Verhältnis zum Fahrzeug. Er versuchte ständig, den Schaden schlimmer zu reden, als er war, z.B. hätte das Fahrzeug nach dem Unfall Öl und Wasser verloren.

2. Bei der Begutachtung stand keine Hebebühne zur Verfügung.

3. Der Geschädigte hatte das Fahrzeug vor fast einem Jahr (angeblich) für 29.000,00 € gekauft und wollte den ermittelten Wiederbeschaffungswert nicht akzeptieren.

4. Das Fahrzeug war finanziert, die Zulassungsbescheinigung Teil II hat noch beim Verkäufer (VW-Händler) gelegen.

5. Bei mobile.de lagen die vier teuersten Angebote ähnlicher Fahrzeuge über 25.00,00 €. Deren Laufleistung lag teilweise sogar etwas höher.

6. Der Geschädigte war auf Empfehlung einer Werkstatt gekommen, die gelegentlich auch Aufträge vermittelt. Diese Empfehlung war beider Begutachtung mehrfach angesprochen worden.

7. Das beschädigte Fahrzeug stand auf dem Platz eines Gebrauchtwagenhändlers, wo ich schon mehrere Gutachten gemacht habe. Auch dieser Händler hat versucht, Einfluss im Sinne des Geschädigten auf das Gutachten zu nehmen.

Vorschläge zum Umgang mit einer solchen Situation

Man sollte dem Geschädigten deutlich zeigen, dass sein Fahrzeug besonders gründlich untersucht wird. In diesem Fall musste das Fahrzeug noch zu einem Betrieb mit einer Hebebühne gebracht werden, wofür ein zweiter Begutachtungstermin angesetzt werden musste. Dort wurde eine teilweise Freilegung des Schadenbereichs vorgenommen. Die Anfahrt wurde entsprechend in Rechnung gestellt. (Der Wasserverlust konnte für ihn dann geklärt werden, weil die Scheinwerferwaschanlage zerstört war. Öl konnte nicht unfallbedingt ausgelaufen sein).

Der angegebene Kaufpreis sollte dezidiert hinterfragt werden. Gerade, wenn eine Kaufpreisangabe unrealistisch erscheint, lohnt es sich, um Vorlage der Kaufrechnung zu bitten. (Häufig kann diese nicht vorgelegt werden. Hier hatte sich beim Hinterfragen ergeben, dass seit dem Kauf über 25.000 km Laufleistung dazugekommen waren, und dass auch Finanzierungskosten im Kaufpreis enthalten waren).

Man sollte den Geschädigten darauf hinweisen, dass er momentan kein umfassendes Verfügungsrecht für das Fahrzeug hat. Aufgrund der Eigentumsfragen sollte er die Angelegenheit zumindest mit seinem Rechtsanwalt besprechen.

Man sollte dem Geschädigten klarmachen, dass die Angebotspreise in den Fahrzeugbörsen lediglich Angebote sind. Nur in seltenen Fällen können die Fahrzeuge zum Angebotspreis verkauft werden!

(Es hatte bei mobile.de auch ein Angebot von 17.900,00 € bei 97.864 km

Laufleistung gegeben. In jedem Fall müssen Korrekturen für das Zulassungsdatum, die Ausstattung, den Zustand und für die Laufleistung vorgenommen werden).

Der Versuch, auf den Inhalt eines Gutachtens Einfluss zu nehmen, indem man den Sachverständigen subtil mitwirtschaftlichen Nachteilen bedroht muss diplomatisch abgewehrt werden.

Meistens hilft der Hinweis, dass alle Gutachten bei den Versicherungen geprüft werden müssen. Jede ungerechtfertigte Forderung kann ggf. als „versuchter Betrug“ (= strafbare Handlung) gewertet werden. Für den Sachverständigen wäre das gleichzeitig „Beihilfe zum Betrug“. Gewöhnlich verstehen es die Auftraggeber, wenn man ihnen erklärt, dass man sie doch nicht „ins Messer laufen lässt“, sondern sie vor einer möglichen Strafverfolgung schützt.

Der Hinweis auf die eigene Kompetenz und Berufserfahrung würde da nicht weiterhelfen. Bei finanziell nachteiligen Erklärungen wollen die Geschädigten diese Erklärungen oftmals nicht verstehen (= nicht wahrhaben). Es gilt auch da die allgemeine Erfahrung: Wenn es ums Geld geht, sind Hinweise auf eine ethische Einstellung meistens zwecklos.

Fallbeispiel 2: Angriff eines Rechtsanwalts

Es gehört zur Prozesstaktik, dass es die unterliegende Partei versucht, Gründe für ein Ausscheiden des Sachverständigen zu suchen oder zu provozieren. Im „Kachelmann-Prozess“ ist der gerichtlich hinzugezogene Sachverständige vom verteidigenden Anwalt angegriffen worden: „Sie sind ein Scharlatan.“

Definition: Ein Scharlatan ist eine Person, die lediglich vortäuscht, ein bestimmtes Wissen bzw. die erforderlichen Fähigkeiten zu haben.

Die primären Probleme in einer solchen Situation

1. Der Angriff ist eine diffamierende Beleidigung und geht gefühlsmäßig unter die Gürtellinie.

2. Eine bissige Antwort würde dem Angreifer einen Grund liefern, den Sachverständigen wegen „Befangenheit“ abzulehnen.

3. Meistens greifen Richter in einer solchen Situation nicht ein, da auch sie sich nicht dem Vorwurf einer Befangenheit aussetzen sollten. 

4. Richter erwarten von ihren Sachverständigen, dass sie sich auch durch einen solchen Angriff nicht aus der Bahn werfen lassen.

5. Von den übrigen Anwesenden wird erwartet, dass der Sachverständige seine Kompetenzstellung behält. Keine Antwort zu geben, könnte als eine Bestätigung des Angriffs oder als Hilflosigkeit gedeutet werden.

6. Das Ausbleiben einer Antwort könnte den Angreifer veranlassen, noch weitere und noch schärfere Provokationen vorzubringen. Ein Angriff ins Leere ist für den Angreifer blamabel.

7. Man kann sich selbst kein Zeugnis ausstellen, um seine Kompetenz zu beweisen. Eigenlob kann in so einer Situation eine Unsicherheit signalisieren.

Möglichkeiten zum Umgang mit einer vergleichbaren Situation

Den Blickkontakt zum Richter suchen und den Angreifer nicht ansehen! Vom Vorsitzenden kann z.B. durch eine Handbewegung signalisiert werden, dass keine Antwort erwünscht oder erforderlich ist.

Seine Mimik „einfrieren“, damit daraus nichts Weiteres abgeleitet werden kann. Auch ein Kopfschütteln oder ein Belächeln eines Angriffs könnte als Befangenheit ausgelegt werden.

Kurz innehalten und sich ins Gedächtnis rufen, dass man zur Beantwortung von Fragen eingeschaltet ist. Vorhalte sind dazu da, um Aussagen zu hinterfragen.

Sich nicht wehren, sondern ganz sachlich antworten, dass man sich hier selbst kein Zeugnis ausstellen kann.

Dem Angreifer die Kompetenz nehmen, die fachliche Eignung zu beurteilen. Eine Antwort könnte z.B. sein: „Die Fachleute, die mich geprüft haben, haben das anders gesehen.  



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