Das Spannungsfeld der Sachverständigentätigkeit

Von: Christian Hoffmann, Kfz-Sachverständiger, Bad Salzuflen

Unfallschaden an einem Mercedes-Benz E 320 T CDI 4-Matic. (Foto: Christian Hoffmann)

Wer als Kfz-Sachverständiger arbeitet, erfährt immer wieder dieselben Angriffe: Die kalkulierten Reparaturkosten oder der Wiederbeschaffungswert seien zu niedrig oder zu hoch oder das Gutachten sei falsch und deshalb nicht verwertbar.

Oftmals entstehen solche Angriffe aus der Profitgier der Beteiligten, man könnte es aber auch einfach als „aus den wirtschaftlichen Interessen“ nennen. Mitunter stehen aber auch einfache Gefühlswerte dahinter, weil sich die Beteiligten schlichtweg nicht vorstellen können, welcher Aufwand mit einer Schadensbehebung verbunden ist. Insbesondere für grundlegende Sicherheitsaspekte fehlt oft das erforderliche Verständnis.

Nicht nur in den Fällen, bei denen spezielle Kenntnisse für die Schadensbeurteilung erforderlich sind, heißt es immer wieder: „Das Gutachten ist nicht nachvollziehbar“. Anstatt den Sachverständigen bei Unklarheiten oder offenen Fragen zu kontaktieren, wird einfach ohne weitere Begründung eine Disqualifikation in den Raum gestellt. Für den Auftraggeber eines Gutachtens wirkt eine solche Entwertung meistens sehr irritierend. Der Sachverständige seines Vertrauens wird quasi „in den Dreck gezogen“. Gewöhnlich wird es dann so vorgetragen, dass dann jemand zur Nachbesichtigung kommt, der die Sache besser beurteilen könne.

In solchen Fällen bekommen dann die Sachverständigen regelmäßig empörte Anrufe, bei denen sie dem jeweiligen Auftraggeber mitunter sehr zeitaufwendig erklären müssen, was da läuft. Sofern ein Rechtsanwalt für die Schadensregulierung eingeschaltet worden ist, wird dann auch noch eine schriftliche Stellungnahme angefordert. All das bedeutet viel Zeitaufwand, leider oftmals ohne Ertrag.

Wie in der Politik, so ist auch im gesamten Rechtswesen immer wieder viel Taktik im Spiel. Bei Gerichtsprozessen suchen die unterlegenen Beteiligten mitunter nach Punkten, mit denen sie den Sachverständigen zu irgendeiner unsachlichen Äußerung bringen können, um ihn dann als „befangen“ abzulehnen oder langdauernde Diskussionen zu führen, um Wissenslücken aufzudecken. Wenn es einem Prozessbeteiligten gelingt, durch Provokation einen Ablehnungsgrund zu schaffen, dann kann es für den Sachverständigen zum Verlust seines Vergütungsanspruchs führen.

Es ist schließlich nur menschlich, dass auch einem Sachverständigen trotz sorgfältiger Arbeitsweise mal ein Fehler unterläuft. „Gegner“ greifen gerne jeden erkannten Fehler auf, um einen Sachverständigen zu demontieren oder zumindest, um ein Argument zu haben, dass die Rechnung für ein Gutachten nicht (oder noch nicht) fällig sei. Hier sind die Vorwände meistens sehr schnell erkennbar, trotzdem muss man sich dann durchaus verletzende Sprüche anhören, ehe man sein Gutachten ggf. nachbessern kann. Dann sind auf jeden Fall ärgerliche Emotionen im Spiel, weshalb es sich bewährt hat, in spannungsgeladenen Situationen sein Gutachten oder seine Stellungnahme möglichst noch von einer weiteren Person zur Kontrolle gegenlesen zu lassen.

Perfektionismus ist das Verlangen nach völliger Fehlerfreiheit. Da dieses Streben zwar dem Wesen, aber nicht den Grundanlagen der Menschen entspricht, stehen Perfektionisten ständig unter Druck und verlieren damit ganz wesentlich an Lebensqualität. Man sollte sich bewusst machen, dass immer dann, wenn Perfektionismus eine zu große Rolle spielt, ein lebendiges und natürliches Miteinander nicht mehr stattfinden kann.

Langfristig kann solcher Druck nicht nur Erschöpfung, sondern auch schwere gesundheitliche Schäden auslösen. Es ist deshalb wichtig, auch mit seinen Fehlern und mit seinen Leistungsgrenzen den richtigen Umgang zu finden.

Wenn man die Motivationen und Taktiken der Beteiligten erkennt und zumindest teilweise durchschaut, kann man darauf meistens gelassen reagieren und „Eigentore“ vermeiden. Dennoch wird es sich nie ganz vermeiden lassen, dass man als Sachverständiger auch mal ausgehebelt wird. Wenn man dann erkennt, dass der „Gegner“ am sog. „längeren Hebel“ sitzt, dann sollte man auf jede weitere Auseinandersetzung verzichten, man würde nur verlieren. Selbst bei einer gewonnenen Auseinandersetzung könnte es sich noch geschäftsschädigend auswirken, wenn man über die Streitereien eine üble Nachrede oder öffentliche Kritik auslöst.

Die gegenseitige Achtung unter den Beteiligten ist leider oftmals nicht zu erkennen. Wo diese Achtung aber fehlt, entsteht leicht eine sehr schwierige Atmosphäre, durch die das Miteinander in einer Gesellschaft nicht leichter werden kann. Mit dieser Realität müssen die Sachverständigen leben. Sie können aber dazu beitragen, dass bei allen Auseinandersetzungen die Sachlichkeit im Vordergrund steht.

 

Die Thematik der Angriffe auf die Sachverständigen wird ausführlich mit vielen Fallbeispielen und Lösungsvorschlägen im AWG-Seminar „Der Sachverständige im Spannungsfeld der Interessenlagen“ behandelt.

Immer wieder versuchen Auftraggeber oder Werkstätten, die Kfz-Sachverständigen unter Druck zu setzen und ihre Entscheidungen zu beeinflussen. Gelingt dies nicht, dann werden Racheakte ins Spiel gebracht.

 

Fallbeispiel:

Unfallschaden an einem Mercedes-Benz E 320 T CDI 4-Matic
Reparaturkosten inkl. MwSt.: 18.800,00 €
Wiederbeschaffungswert inkl. MwSt.: 16.000,00 €
Restwertgebot des Abschleppunternehmers: 7.300,00 €
Regionales Höchstgebot: 7.750,00 €, Restwertgebot (Restwertbörse): 8.700,00 €

Aufgetretene Probleme

Der Abschleppunternehmer hatte erwartet, dass er das Fahrzeug für 7.300,00 € (Endpreis) bekommen würde. Sein erstes Gebot hatte bei 6.500,00 € gelegen.
Der Abschleppunternehmer hat aus Frust ein Hausverbot ausgesprochen.

Hier stellt sich die Frage: Ist das Hausverbot eines Kfz-Betriebes gültig?

Zum Hausverbot
In seinem Geschäftsbereich hat jeder Unternehmer ein Weisungsrecht. Der Unternehmer muss seine Weisungen nicht begründen.

Für Geschäftsräume, die der Allgemeinheit offen zugänglich sind, kann ein Hausverbot nur in Verbindung mit einem Fehlverhalten ausgesprochen werden.

Ein willkürlicher Ausschluss würde die „Persönlichkeitsrechte“ und den „Gleichheitsgrundsatz“ verletzen.

Ausnahmen gibt es dort, wo z.B. durch einen Türsteher ständig Einlasskontrollen stattfinden.

Im Zweifelsfall sollte auf jeden Fall ein Rechtsanwalt gefragt werden.

 

Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen

Wenn man sich bereits bei der Begutachtung vom Kfz-Händler oder Autoverwerter ein Angebot machen lässt, sollte man klar darauf hinweisen, dass laut BGH-Rechtsprechung auch noch andere Angebote eingeholt werden müssen.
Man sollte auch darauf hinweisen, dass auch seitens der Versicherung noch Restwertgebote vorgelegt werden können. Solange der Geschädigte sein Fahrzeug noch nicht verkauft hat, kommt das erzielte Höchstgebot zum Tragen.

Man sollte keine Diskussionen führen, wenn sich jemand über den Ablauf des Geschehens beklagt. Sinnvoll ist dann ggf. der Hinweis darauf, dass nicht der Kfz-Sachverständige das Fahrzeug verkauft.

Bei der nächsten Besichtigung bei dem Betrieb, der ein Hausverbot ausgesprochen hat, braucht man nur zu fragen, wo das Fahrzeug besichtigt werden kann. In diesem Fall wird der Betrieb nach den Interessen des Fahrzeughalters handeln und deshalb eine Besichtigung ermöglichen.



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