Editorial

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Liebe Leserin, lieber Leser,

eigentlich hätte man davon ausgehen können, dass mit der Entscheidung des BGH vom 26.4.2016 – VI ZR 50/15 – die Auseinandersetzungen um die Höhe des Sachverständigenhonorars bei Erstellung eines Schadensgutachtens nach einem Verkehrsunfall an Intensität abnehmen. Diese Vermutung wird durch das Verhalten der meisten Versicherer und Kfz-Sachverständigen auch bestätigt.

Dennoch gibt es einen in Hannover ansässigen Versicherer, der sich offenbar bundesweit auf die Fahnen geschrieben hat, Sachverständigenhonorare willkürlich zu kürzen und sich dabei auf einen bundesweiten „Gebührenrechner“ zu berufen, was bereits alleine mit den Vorgaben der Rechtsprechung unvereinbar ist.

Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit, ausufernde Schadenspositionen zu begrenzen, um Mobilität auch in Zukunft bezahlbar zu machen, wird das System unseres Rechtsstaates mit Füßen getreten, wenn Vorgaben des obersten Zivilgerichtes schlichtweg ignoriert werden. Versuche, einen sachgerechten Dialog auf der Grundlage der eindeutigen Rechtsprechung zu führen, sind zwischenzeitlich nur noch als sinnlos zu bezeichnen.

Aus guten Gründen gewinnt man da den Eindruck, dass es hier gar nicht um die Schadensposition Sachverständigenhonorar geht, sondern vielmehr darum, ganz grundsätzlich die Einschaltung eines Kfz-Sachverständigen zu verhindern. Genau dies ist der falsche Weg. Dieser Weg wird eine Diskussion über die Frage, in welchem Umfang in Zukunft Gutachten erforderlich sind, erschweren. Vor allem aber wird mit der völlig willkürlichen Kürzung auf der Grundlage angeblicher „Gebührenrechner“ auch die notwendige Diskussion über die Qualität der Produkte, die in Zukunft benötigt werden, fast unmöglich gemacht.

Auch die derzeit hier besonders engagierte genannte Versicherung versichert bereits heute Fahrzeuge, die mit Hunderten Steuergeräten ausgestattet sind oder die mit einer Karosseriestruktur versehen sind, die nur durch die Verwendung von Kunststoff, Karbon oder ultrahochfesten Stählen und Aluminium möglich ist.

Keiner, der sich ernsthaft mit dem Thema befasst, hat noch einen Zweifel daran, dass die Schadensfeststellung genauso wie die Reparatur derartiger Fahrzeuge neue Anforderungen stellen wird. Die Fehlerspeicherauslese bereits bei der Schadensfeststellung wird zu den Selbstverständlichkeiten der Begutachtung zählen, genauso wie die aufwendige Karosserievermessung. Es geht hier eben nicht um Kostentreiberei, sondern der Mehraufwand in Schadensdiagnose und Schadensbehebung ist letztlich den Sicherheits- und Komfortansprüchen geschuldet, die wir heute an ein modernes Automobil stellen. Diesem Phänomen mit willkürlichen Kürzungen im Stile der 90er Jahre begegnen zu wollen, mag kurzfristig Erfolge versprechen. Bereits mittelfristig wird es sich als ein Irrweg herausstellen, der letztlich auch dazu führen wird, dass derartige Versicherungsunternehmen vom Markt verschwinden werden.

Das Institut für das Sachverständigenwesen, IfS, erstellt derzeit die neuen Richtlinien für die Erstellung von Schadensgutachten. Im Kreis der Autoren, die sich auf einheitliche Richtlinien zu verständigen haben, sind Versicherer, Sachverständigenorganisationen und freiberufliche Sachverständige gleichermaßen vertreten. Allen Beteiligten dort dürfte klar sein, dass bei Erfüllung der immer komplexeren Ansprüche an ein Schadensgutachten das Gutachten teurer und die Versichertengemeinschaft hier mehr belastet werden wird.

Gerade deshalb ist es wichtig, die Diskussion auf die Frage zu lenken, inwieweit in Zukunft außerhalb des klassischen Gutachtens andere Produkte möglich sind, und natürlich muss ein entscheidender Punkt der zukünftigen Diskussion sein, Gutachten, die den Sicherheits- und Qualitätsanforderungen auch nicht ansatzweise genügen, auszuschließen, statt die Qualität eines Gutachtens nur danach zu bewerten, ob es zufälligerweise in einen wie auch immer gearteten Gebührenrechner passt.

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion ein frohes neues Jahr sowie spannende und anregende Diskussionen in 2017.

Ihr Elmar Fuchs

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in Ausgabe 1 / 2017 auf Seite: 1
Elmar Fuchs

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