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Ich genieße die Vielfalt und die Herausforderungen meines Berufes!

–  Ein Interview mit Sabine Drumm-Becker, Berufsbetreuerin aus Köln –

Der Beginn des Betreuungsrechts im Jahr 1992 war auch der berufliche Einstieg von Sabine Drumm-Becker als Berufsbetreuerin. Die 1967 in Neunkirchen an der Saar geborene Sozialpädagogin vertat nicht viel Zeit mit der Suche nach einem für sie passenden Berufsfeld. Direkt nach ihrem Anerkennungsjahr im Jahr 1991 begann sie eine Tätigkeit bei einem katholischen Betreuungsverein in Köln. Bereits gut zwei Jahre später, im Frühjahr 1994, machte sie sich mit drei Kolleginnen selbstständig und gründete das Betreuungsbüro Gereonswall.

Für Sabine Drumm-Becker ist diese Entscheidung bis heute die Richtige, fühlt sie sich in ihrer Arbeit doch ausgesprochen wohl und durch die vielfältigen Aufgaben ihrer Tätigkeit ausgefüllt. „Ich liebe es, für die mir anvertrauten Menschen zu kämpfen, ihre Rechte durchzusetzen und einen Beitrag zu ihrer Lebensqualität leisten zu können“, sagt die Berufsbetreuerin, die – wenn sie nicht gerade arbeitet oder Zeit mit ihrer Familie verbringt – die Laufschuhe schnürt, um für den nächsten Marathon zu trainieren.

Sabine Drumm-Becker ist Mitglied im Betreuungsgerichtstag (BGT),im Bundesverband der Berufsbetreuer/innen (BdB) und im BdB-Qualitätsregister.


25 Jahre ist es her: Am 1. Januar 1992 trat das Betreuungsgesetz in Kraft. Die umfassende Reform trat damit an die Stelle eines Erwachsenenschutzrechts, das – in den wesentlichen Teilen unverändert – auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückging. Mittlerweile hat die Jahrhundertreform, wie Klaus Förter-Vondey sie 2012 in der BtPrax bezeichnete, auch schon wieder ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel. Grund genug, ein wenig Rückschau zu halten – ohne dabei allerdings die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Im Folgenden berichtet Sabine Drumm-Becker, Berufsbetreuerin der ersten Stunde. Sie berichtet darüber, welche Themen Sie damals bewegt haben, wie sich ihre Arbeit bis heute verändert hat und welche Perspektiven die professionelle Betreuungsarbeit aus ihrer Sicht bietet.


Bt-Portal: Frau Drumm-Becker, der Start des Betreuungsrechts war praktisch auch ihr Berufseinstieg als Vereinsbetreuerin. Sie waren also zum einen mit einer neuen beruflichen Rolle konfrontiert und zum anderen mit einer grundlegenden Reform des Erwachsenenschutzrechts. Welche Themen haben Sie damals bewegt, welche Aufgaben hatten Sie zu bewältigen?

Sabine Drumm-Becker: Ich hatte ja als Studienabgängerin lediglich ein Jahr Erfahrung im niederschwelligen Bereich sammeln können, bevor ich im Januar 1992 in einen völlig anderen Arbeitsbereich wechselte, der gleichzeitig mit einer umfassenden Gesetzesreform einherging. Ich war als junge Frau zunächst erschlagen von dem Anforderungsprofil, von den vielen unterschiedlich zu bewältigenden Aufgaben und dem hohen Maß an Verantwortung, täglich Entscheidungen treffen zu müssen, die das Leben eines mir bis dato völlig fremden Menschen betreffen.

Sehr geholfen hat mir ein gutes Team von Kolleginnen, die bereits viele Jahre unter dem alten Vormundschaftsrecht gearbeitet hatten und mir mit ihren Erfahrungen und Ratschlägen zur Seite standen. In der ersten Zeit stand für mich sicherlich zunächst einmal meine Positionierung und Berufsfindung im Vordergrund, um die Betreuungsarbeit gut und nicht nur zufriedenstellend bewältigen zu können.

Bt-Portal: Man kann sich kaum vorstellen, dass von einem Tag auf den anderen vom Recht alter Schule auf das neue Betreuungsrecht umgeschaltet wurde. Ist Ihnen das Denken des Vormundschafts- und Pflegschaftsrechts bei den Gerichten, bei Kolleginnen und Kollegen noch oft begegnet?

Sabine Drumm-Becker: Oh ja, ich kann mich noch genau an die Begegnung mit zwei pensionierten Kolleginnen des Sozialdienst katholischer Frauen erinnern, deren „Schützlinge“ ich neu im Jahr 1992 in Betreuung übernommen hatte. Es handelte sich um ebenfalls zwei ältere Damen, die im hauswirtschaftlichen Bereich eines klösterlich geführten Seniorenhauses arbeiteten und dort auch wohnten, in ihrer Personenbeschreibung als „gefallene Mädchen“ galten und die beide noch „Opfer“ des alten Entmündigungsverfahrens waren.

Die beiden „Vormünderinnen“ vom Schlage „Fürsorgerinnen“ waren förmlich entsetzt darüber, dass ich den beiden Damen ein Mitbestimmungsrecht einräumte. Sie waren es gewohnt, alle Entscheidungen alleine, unabhängig und vor allem ungefragt treffen zu können. Unterdessen wuchsen die betreuten Damen während meiner Betreuungszeit über sich hinaus und verweigerten forthin den Kontakt zu ihren „Ex-Vormünderinnen“, die sich in der ersten Zeit nach Betreuungsübernahme durch meine Person noch als ehrenamtliche Helferinnen einbrachten.
Nachdem sich die von mir Betreuten dann durchgesetzt hatten, wurde mir in einem persönlichen Gespräch sogar anvertraut, dass die „Ex-Vormünderinnen“ auch schon mal zugeschlagen hätten, wenn nicht so gehandelt wurde, wie es von ihnen verlangt und entschieden wurde.

Bt-Portal: Sie haben sich nach den ersten zwei Berufsjahren selbstständig gemacht und ein Betreuungsbüro eröffnet. Was unterscheidet die Arbeit als Vereinsbetreuerin von der einer selbstständigen Berufsbetreuerin?

Sabine Drumm-Becker: Der Reiz an der Selbstständigkeit beinhaltete für mich von Anfang an die eigene selbstbestimmte Organisation meines Arbeitsplatzes verbunden mit der Autonomie meiner Entscheidungsfindung. Letztere war zuvor bei meinem katholischen Arbeitgeber nicht in allen Situationen gegeben, weshalb letztlich auch der Wunsch nach einem eigens organisierten Büro entstand.

Bt-Portal: Es ging dabei also um Gestaltungsspielräume. Bezog sich das eher auf organisatorische Abläufe oder waren davon auch Fragen der eigenen beruflichen Haltung betroffen?

Sabine Drumm-Becker: Sowohl als auch.

Zum einen wurde im Vereinsablauf unheimlich viel Energie verpufft mit einzuhaltenden Formalien – zum Beispiel Aktenführung, Teamsitzungen und so weiter –, was nicht immer hilfreich und zum Teil unschlüssig und kontraproduktiv war, da die Arbeitszeit an wichtigerer Stelle verloren ging.

Zum anderen mussten aber auch inhaltliche Entscheidungen mit den Moralvorstellungen des Arbeitgebers übereinstimmen, was im ungünstigsten Falle zur Folge hatte, dass der Wunsch der betreuten Person nicht berücksichtigt werden konnte, da eine Übereinstimmung ausgeschlossen ist (Thema Schwangerschaftsabbruch). Mir ist auch speziell eine derartige Fallkonstellation erinnerlich, in der sodann vom Amtsgericht der Aufgabenkreis Gesundheitsfürsorge auf eine weltliche und damit unabhängige Betreuerin übertragen wurde, damit die im erwähnten Beispiel junge, geistig behinderte Betreute mit Einwilligung einer dafür extra eingesetzten Betreuerin ihre ungewollte Schwangerschaft abbrechen durfte. Zum damaligen Zeitpunkt wurde noch weniger als heute nach der eigenen Einwilligungs- und Einsichtsfähigkeit der betreuten Person gefragt!

Bt-Portal: Ist ein solches Vorgehen heute noch denkbar?

Sabine Drumm-Becker: Ich gehe davon aus, dass – jetzt speziell auf mein Beispiel bezogen – aus heutiger Sicht die Verantwortung einer solch höchst persönlichen Entscheidung bei der zu betreuenden Person verbleiben würde, so sie denn „einsichts- und einwilligungsfähig“ ist, wovon ich ebenfalls ausgehe. Folgerichtig wäre der Betreuer wiederum aus der Verantwortung entlassen, so dass die oben beschriebene Vorgehensweise automatisch entfällt, da es keine Handlungsgrundlage gibt.

Bt-Portal: Das Betreuungsrecht hat seit 1992 zahlreiche Veränderungen erfahren. Welche waren für Sie am deutlichsten spürbar?

Sabine Drumm-Becker: Die deutlichste Veränderung war für mich sicherlich die Einführung der Pauschalierung, die meines Erachtens gerade mich als selbstständige Betreuerin besonders tangiert. Auch wenn es sich über die Höhe der Pauschale und das ausgewiesene Zeitkontingent streiten lässt, so muss man der Pauschale doch einiges zugutehalten: den geringeren bürokratischen Aufwand, die fest kalkulierbare Einkommenssituation sowie die Vergütung von Ausfallzeiten wie Krankheit und Urlaub.

Den letzten Punkt finde ich besonders erwähnenswert, da man als Selbstständiger im Normalfall während Abwesenheitszeiten immer auch finanzielle Einbußen hinzunehmen hat. Mit der Pauschalierung ist dieser Umstand weggefallen.

Bt-Portal: Sie möchten also nicht zurück zu einer Spitzabrechnung?

Sabine Drumm-Becker: Ich persönlich auf gar keinen Fall. Ich empfinde die Pauschalierung grundsätzlich als ein gutes Vergütungssystem, so denn die Mischung stimmt und als gesund zu beschreiben ist. Es bedarf natürlich einer Anpassung der Stundensätze und auch Stundenkontingente, damit man als Betreuer mit einer durchschnittlichen Fallzahl von ca. 40 Betreuungen angemessen wirtschaften und vor allen Dingen auch angemessen fürs Alter vorsorgen kann. Das ist meiner Meinung nach derzeit nicht möglich und von der oben genannten Durchschnittszahl sind wir – und ich spreche hier für unser Büro – noch weit entfernt!

Bt-Portal: Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, das Vergütungssystem zu differenzieren? Im Sinne eines höheren Stundensatzes für aufwendige Fälle?

Sabine Drumm-Becker: Ein differenziertes Vergütungssystem ist meiner Meinung nach nicht wirklich mit einem pauschalierten Vergütungssystem in Einklang zu bringen. Die Pauschale impliziert, dass jeder Betreuer auf seine gesunde Mischung an Betreuungsfällen zu achten hat. Das heißt bei jeder Neuanfrage sollte ich abschätzen können, ob genau diese Fallanfrage in meine Mischung passt.

Als langjährige Betreuerin sehe ich mich gegenüber Berufsanfängern klar im Vorteil, da ich einerseits eine Vielzahl von Langzeit-Betreuten habe, bei denen ich das Arbeitsaufkommen zeitlich sehr gut einschätzen kann, ich andererseits sicherlich mehr fachliche Kompetenz als Berufsanfänger besitze, bestimmte Anfragen richtig einsortieren zu können.

Bt-Portal: Ein wiederkehrendes Thema ist die Stärkung des Selbstbestimmungsrechts von Betreuten. Die Behindertenrechtskonvention spricht in Artikel 12 von Rechts- und Handlungsfähigkeit. Kommt dieser Ansatz bei den Menschen an? Sind betreute Menschen heutzutage emanzipierter als früher?

Sabine Drumm-Becker: Ich finde schon, dass einige Betreute inzwischen mehr über ihre eigenen Rechte wissen und diese auch verstärkt einfordern. Es gehört selbstverständlich zu meiner obersten Handlungsmaxime, Betreute hierin zu bestärken und ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dennoch darf man nicht vergessen, dass uns auf der anderen Seite auch eine Vielzahl von Menschen anvertraut werden, die diese Emanzipation nur in sehr geringem Maße oder zum Teil gar nicht aufbringen können, so dass umso mehr unser Sachverstand, unsere Menschenkenntnis und Empathie gefragt ist.

Bt-Portal: Es ist also bis zu einem gewissen Grad gelungen, dass die Ideen des Betreuungsrechts im Alltag der Menschen angekommen sind. Was braucht es, dass auch die zuletzt von ihnen genannten Personengruppen davon profitieren? Ich denke, Sie sprechen vor allem von chronisch psychisch erkrankten und kognitiv stark eingeschränkten Menschen.

Sabine Drumm-Becker: Es sollte weiterhin ein öffentliches Gehör für diese Menschen geschaffen werden. Das Bewusstsein kann bereits in der Kontaktpflege und im Austausch mit Nachbarn, Freunden, Kollegen, beteiligten Professionen jedweder Art geschult werden. Öffentlichkeitsarbeit gehört unabdingbar dazu.

Bt-Portal: Und wie sieht es mit den Betreuerinnen und Betreuern aus? Wie hat sich deren Position verändert?

Sabine Drumm-Becker: Auch im Betreueralltag spiegelt sich meines Erachtens das gestärkte Selbstbestimmungsrecht der betreuten Person wider. Es wird weniger autoritär als vielmehr partnerschaftlich agiert. Die Klagen von anderen betreuten Personen über ihre Betreuer, Entscheidungen über ihren Kopf hinweg hinnehmen zu müssen, sind nach meinem Kenntnisstand deutlich weniger geworden.

Bt-Portal: Gegen Ende des Interviews komme ich, wie so oft, zu einem Ausblick. Frau Drumm-Becker, welche Veränderungen sähen sie zukünftig gerne umgesetzt im Betreuungswesen?

Sabine Drumm-Becker: Ich hatte Ihnen ja bereits angedeutet, dass ich mich oft mit dem Betreuungsabschluss schwer tue, beziehungsweise dass dieser oft das Einzige ist, was Unzufriedenheit in meiner Arbeit hinterlässt. Ich wünschte mir, dass generell nach dem Betreuungsende durch Tod der betreuten Person zum Beispiel eine vierwöchige Vertretungsbefugnis anhält, in der noch Bankgeschäfte und Behördenangelegenheiten abgewickelt werden könnten. Dies betrifft vor allem die Fälle, in denen es keine Angehörigen und/oder Erben gibt, die für einen formalen Abschluss Sorge tragen können und für die in Ermangelung eines zu sichernden Nachlasses auch keine Nachlasspflegschaft bestellt wird.

Bt-Portal: Sie deuten eine der Schwierigkeiten einer solchen Regelung selbst an: es würde praktisch ein weiterer Vertretungsberechtigter neben den Erben existieren. Warum glauben sie trotzdem, dass dies eine sinnvolle Veränderung wäre?

Sabine Drumm-Becker: Es kann deshalb sinnvoll sein, weil es in erster Linie – wie oben bereits erwähnt – dort greifen und angewendet werden sollte, wo es weder Erben noch Nachlasspfleger gibt.

Diese Fälle dümpeln unter Umständen noch Monate und Jahre im luftleeren Raum. Warum soll zum Beispiel ein Vermieter erst nach etlichen Monaten der Warterei - kein Mieteingang, keine formale Kündigung - und des kosten– und zeitaufwendigen juristischen Weges - Beauftragung eines Rechtsanwaltes, Einschaltung des Gerichtes - seine eigene Wohnung räumen und neu vermieten dürfen? So etwas passiert beispielsweise dann, wenn der Betreute, der Mieter der Wohnung ist, verstirbt, mittellos ist und keine Angehörigen hat. In einem solchen Fall könnte viel Ärger, Zeit und nicht zuletzt Geld eingespart werden, wenn der Betreuer noch rechtswirksam die Kündigung des Wohnraumes und die Freigabe des Inventars aussprechen könnte.

Dies wäre ein Aspekt, der mir hierzu einfällt und mit dem ich in der Praxis bereits mehrfach konfrontiert wurde.

Markus Koppen

Das Interview mit Sabine Drumm-Becker führte Markus Koppen, freier Online-Redakteur des Bundesanzeiger Verlags, im April 2017.

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