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Migrationshintergrund und kulturelle Herkunft verändern die Betreuungsarbeit

Das Institut für transkulturelle Betreuung (ItB) in Hannover ist ein Betreuungsverein der besonderen Art: Die Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund steht dort im Fokus des Interesses und der Tätigkeit. Der Sozialwissenschaftler Ali Türk führt die Geschicke des Vereins.


Ein wenig beachtetes Thema ist die Rechtliche Betreuung von Migrantinnen und Migranten. Dabei spricht einiges dafür, dass sich dieser Teilbereich der Betreuungslandschaft durch mehr oder minder stark ausgebildete Besonderheiten auszeichnet – dies gilt sowohl für die Gruppe der Betroffenen selbst als auch für den erschwerten Zugang zum Institut der Rechtlichen Betreuung. Für das Bt-Portal berichtet Ali Türk über die spezifischen Anforderungen und Aufgabenstellungen im Bereich der transkulturellen Betreuungsarbeit und beklagt dabei auch einige strukturelle Defizite im Betreuungswesen.


Bt-Portal: Das Institut für transkulturelle Betreuung (ItB) ist ein Betreuungsverein, dessen Schwerpunkt die rechtliche Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund ist. Wie kommt man auf die Idee, ein Institut für transkulturelle Betreuung ins Leben zu rufen?

Ali Türk: In der Arbeit zur Gesundheitsförderung von Migranten des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V. in Hannover wurde eine Versorgungslücke offenbar. Denn solche, die eine rechtliche Betreuung zur Umsetzung ihrer Interessen haben müssten, hatten und haben kaum Zugang zu diesem Rechtsinstrument. Denn auch heute sind Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu denen ohne Migrationshintergrund deutlich unterversorgt. Dazu kommt, dass bei denen, die unter rechtlicher Betreuung stehen, nur selten kulturelle Aspekte in der Betreuungsführung eine Rolle spielten und spielen.

Das ItB wurde gegründet, um einerseits diese Versorgungslücke zu schließen und andererseits eine migrationssensible und kulturspezifische rechtliche Vertretung umzusetzen. Denn um den Willen und das Wohl der Betroffenen realisieren zu können – die genuinen Aufgaben eines Betreuers – ist eine Einbeziehung der kulturellen Herkunft ein äußerst wichtiger, nicht zu unterschätzender Faktor.

Bt-Portal: Gibt es mittlerweile weitere Einrichtungen ihrer Art?

Ali Türk: Bisher existiert bundesweit keine einzige Einrichtung wie unsere, die diesen Ansatz der migrationssensiblen und kulturspezifischen rechtlichen Betreuung in derselben Größe, mit einer ähnlichen konzeptionellen Systematik und Expertise umsetzt. Wir engagieren uns aber – auch überregional – bei der Weiterentwicklung verschiedener Kooperationspartner in diesem Feld (z.B. Insel e.V. in Hamburg), um die Versorgungssituation der Betroffenen zu verbessern.

Darüber hinaus gibt es vereinzelt ein paar jüngere Initiativen, die ebenfalls mehr oder weniger versuchen, dieser Versorgungslücke entgegenzuwirken, wie z.B. das Kulturzentrum Schlachthof in Kassel.

Bt-Portal: Als landesrechtlich anerkannter Betreuungsverein haben sie bestimmte Aufgaben zu erfüllen, die sie mit anderen Vereinen gemeinsam haben. Was aber ist das Besondere am ItB?

Ali Türk: Das Besondere an unserer Einrichtung ist das Angebot, rechtliche Betreuung wie auch Information und Beratung zu diesem Themenfeld migrationsspezifisch und kultursensibel anbieten zu können. Dazu haben wir in unserem Portfolio 18 verschiedene Sprachen zur Auswahl (z.B. Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Russisch, Litauisch). Außerdem verfügen wir ebenfalls über zahlreiche muttersprachliche Informationsmaterialien zum Thema rechtliche Betreuung und Vorsorgemaßnahmen (www.itb-ev.de/broschueren).

Bt-Portal: Welche Menschen werden von Ihrer Einrichtung betreut und beraten? Woher kommen sie? Welche Sprachen sprechen sie?

Ali Türk: Insgesamt werden von uns niedersachsenweit über 900 Personen rechtlich betreut. Diese Personen kommen aus knapp 50 verschiedenen Herkunftsländern. Die drei größten Gruppen sind dabei türkisch-, russisch- und polnischsprachige Personen.

Bt-Portal: Gibt es Unterschiede, wenn man die von ihnen betreuten Menschen mit der Gesamtgruppe der Betreuten vergleicht?

Ali Türk: Hierzu gibt es kaum belastbare Forschungen, aber zumindest lassen sich folgende Tendenzen feststellen, wenn wir unsere Betreuten mit denen von Vereinen vergleichen, die hauptsächlich ein Klientel ohne Migrationshintergrund rechtlich vertreten: Die Personen, die von uns betreut werden, sind im Vergleich jünger und leben häufiger Zuhause. Auffallend ist auch der Unterschied bezüglich der Grundlage zur Einrichtung einer Betreuung: Unsere Betreuten weisen hier häufiger eine psychische statt beispielsweise eine altersbedingte Erkrankung auf. Daneben können wir einen hohen Anteil an Personen mit einer Doppeldiagnose (vor allem in der Kombination: psychische Erkrankung und Sucht) verzeichnen.

Bt-Portal: Haben Sie eine Erklärung für das überproportionale Auftreten psychischer Erkrankungen als Anlasserkrankung?

Ali Türk: Hierzu kann man keine definitive Aussage treffen, da es noch viel zu wenig Forschung zur Verifizierung verschiedener Thesen gibt. Einige Erklärungsansätze seien aber kurz benannt:

Zum einen weist die Migrantenbevölkerung ein niedrigeres Durchschnittsalter auf, so dass altersbedingte Erkrankungen in dieser Bevölkerungsgruppe bisher weniger auftraten. Allerdings befindet sich dies im Wandel, denn viele in den 50ern und 60ern als Arbeitsmigranten Eingewanderte kommen oder sind nun im Seniorenalter – dies wird sich in Zukunft auch verstärkt in den Bestellungsgründen für rechtliche Betreuungen abzeichnen.

Eine weitere Erklärung für das überproportionale Auftreten psychischer Erkrankungen als Anlasserkrankung kann auch in den psychischen Belastungen des Migrationsprozesses an sich begründet sein. Denn die Migration ist ein Prozess, der einen Menschen vulnerabler machen kann (aber nicht muss!), da sich so vieles auf einmal ändert und man sich als Migrierender allerhand Unsicherheiten gegenüber sieht, z.B. in Fragen der Erwartungserfüllung, des Aufenthalts, der Arbeitssuche, der Existenzsicherung, dem Zugang zur Aufnahmegesellschaft und der sozialen Integration. Durch diese erhöhte Belastungssituation kann die psychische Balance empfindlich gestört werden und ggf. bei Nicht-Behandlung oder durch mangelnde Protektoren psychische Erkrankungen begünstigen.

Manche Migrantengruppen wie beispielsweise Flüchtlinge aus Syrien oder Afrika weisen zudem ein zusätzlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen auf. Dies ist bedingt durch die traumatischen Erfahrungen, die sie durch Verfolgung, Missbrauch, Unterdrückung oder Folter in ihrem Heimatland oder während der Flucht machen mussten.

Zudem spielen auch die gesellschaftlichen Bedingungen der Aufnahmegesellschaft eine wesentliche Rolle. Denn Menschen mit Migrationshintergrund partizipieren viel weniger an den strukturellen (Präventions-)Angeboten der sozialen und gesundheitlichen – also auch der sozialpsychiatrischen – Versorgung, die es in Deutschland gibt. Die Gründe für die Unterversorgung sind vielschichtig und sowohl bei den Einheimischen als auch den Migranten zu suchen. Einige seien hier aufgeführt: 

Auf der einen Seite: Mangelnde zielgruppenspezifische, niedrigschwellige Angebotsstruktur, keine oder nicht ausreichende transkulturelle Kompetenz wie auch kulturelle Kenntnisse der professionell Tätigen, keine zielgruppengerechten Informationsmaterialien (z.B. in unterschiedlichen Sprachen), Vorurteile und divergierende Sichtweisen über Krankheit/Gesundheit, strukturelle Diskriminierung sowie soziale Schlechterstellung. 

Auf der anderen Seite: Mangelnde Rechte zur Nutzung der Angebote z.B. bedingt durch den Aufenthaltsstatus, Sprachschwierigkeiten, Unwissenheit oder fehlerhaftes Wissen über vorhandene Angebote und Ansprüche, kulturelle Bewältigungsstrategien und unterschiedliche Krankheits- und Behandlungsverständnisse, Angst oder Misstrauen gegenüber dem deutschen Rechts- und Versorgungssystem.

Bt-Portal: Welche spezifischen Aufgaben stellen sich in der Betreuung von Migrantinnen und Migranten und welche besonderen Anforderungen bringt das für Betreuerinnen und Betreuer mit sich?

Ali Türk: Neben den „normalen“ Aufgaben eines rechtlichen Betreuers ergeben sich je nach Fall bei Personen mit Migrationshintergrund weitere spezifische Fragestellungen, die es zu bearbeiten gilt. So müssen zum Beispiel aufenthaltsrechtliche Angelegenheiten oder Rechtsangelegenheiten im Herkunftsland geregelt werden. Zudem kann es sein, dass Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beantragt und eingefordert werden müssen. Auch Reisen ins Heimatland oder die Regelung der kompletten Rückkehr können zu bearbeitende Aufgabenbereiche sein. Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass z.B. im Rahmen eines ärztlichen Aufklärungsgesprächs eine adäquate Verständigung gewährleistet wird. Hierzu ist die Einbindung professioneller Dolmetscher mit medizinischem Fachwissen erforderlich. Ein wichtiger Aspekt stellt auch die adäquate (psychosoziale, therapeutische etc.) Versorgung und Pflege dar: So muss der Betreuer sicherstellen, dass Einrichtungen und Dienste ihre Leistungen migrationssensibel und kulturspezifisch erbringen (Beachtung von Lebensgewohnheiten, Hygieneritualen, religiösen und kulturellen Bedürfnissen etc.) oder geeignete muttersprachliche Therapieangebote genutzt und finanziert werden können.

Um diese zusätzlichen Herausforderungen in der Betreuungsarbeit bewältigen zu können, benötigt der Betreuer umfangreiches Wissen zur Herkunftskultur und Migrationssoziologie. Ein eigener Migrationshintergrund sowie muttersprachliche Kenntnisse sind dabei hilfreich und ermöglichen in vielen Fällen einen Vertrauensvorschuss von Seiten der Betreuten. Darüber hinaus muss der Betreuer Kenntnisse zu kulturellen Erwartungshaltungen, Bewältigungsstrategien, Krankheitsbildern, zur Rechtslage im Herkunftsland sowie einen guten Überblick über kulturspezifische Hilfsangebote mitbringen. An Soft Skills erfordert die Betreuung von Migranten eine ausgeprägte transkulturelle Kompetenz und Ambiguitätstoleranz.

Bt-Portal: Die besonderen rechtlichen und sprachlichen Herausforderungen kann ich mir gut vorstellen. Aber könnten sie mir Ihre Arbeit anhand eines Beispiels etwas greifbarer machen?

Ali Türk: Grundsätzlich ist zu sagen, dass es kein generelles Handlungsschema gibt, sondern die Betreuerin oder der Betreuer immer eine individuenzentrierte Perspektive einnehmen muss. Zur Verdeutlichung einiger Aspekte unserer alltäglichen Arbeit sei folgendes Fallbeispiel näher beleuchtet:

Herr C.: Er ist als Kurde in der Türkei verfolgt und unterdrückt worden und deswegen 2001 nach Deutschland geflüchtet. Seine Sprachkenntnisse beschränken sich auf Türkisch und Kurdisch. Laut eigener Angaben ist er dem islamischen Glauben zugehörig. Mit 20 Jahren war er bereits mit der Tochter seines Onkels verheiratet und verlor bereits zwei seiner Kinder im Säuglingsalter. Erst ein drittes Kind, das 2006 in Deutschland auf die Welt kam, überlebte.

Die Betreuung in Deutschland wurde aufgrund einer psychischen Erkrankung und auf Anregung der Ärzte eingerichtet. Sein Krankheitsbild kennzeichnet sich durch Ängste, posttraumatischer Belastungsstörung, mittelgradige depressive Störung, Angst vor Abschiebung, Verfolgungswahn, Rückzugsverhalten, zeitweise aggressive Impulse, Schlafstörungen, zeitweise psychotische Symptome und phasenabhängige latente Suizidalität. 

Die Betreuerin erhielt folgende Aufgabenkreise: Sorge für die Gesundheit, Aufenthaltsbestimmung, Unterbringung/unterbringungsähnliche Maßnahmen, Entgegennahme, Öffnen und Anhalten der Post wie auch Rechts-/ Antrags- und Behördenangelegenheiten.

Bei dem ersten persönlichen Kontakt zwischen Herrn C. und der Betreuerin musste sie  zunächst das Rechtsinstrument rechtliche Betreuung umfassend erklären und Ängste abbauen, da in der Türkei kein Betreuungsrecht existiert.

Die Kommunikation kann aufgrund der sprachlichen Voraussetzungen des Betreuten nur in Türkisch realisiert werden. Die Betreuerin musste zunächst viel Beziehungsarbeit leisten, um das Vertrauen des Betroffenen zu gewinnen. Einen Vertrauensvorschuss erhielt sie bereits dadurch, dass sie zu demselben Kulturkreis gehörte, was als Türöffner fungierte. Außerdem achtete die Betreuerin darauf, die Gespräche bei dem Betroffenen Zuhause – also in einem für den Betreuten gewohnten Umfeld – durchzuführen. Auch die Familienangehörigen wurden einbezogen, um über die Erkrankung des Betreuten und die Rolle und Aufgaben der Betreuerin aufzuklären. Dabei sind die Kenntnis und der kultursensible Umgang von unterschiedlichen Bewältigungsstrategien der Familie mit der Erkrankung des Betreuten von besonderer Relevanz. So definierte die islamisch gläubige Familie die Erkrankung als Gottesgabe und religiöse Prüfung. 

Bei der Erarbeitung eines Betreuungsplans bedeutet eine kulturspezifische und migrationssensible Vorgehensweise, den Migrationsprozess genau zu beleuchten wie auch die Erfahrungen, Bedarfe und Deutungsmuster des Betroffenen zu erheben. Bei Hr. C. zeigte sich beispielsweise eine ausgeprägte Behördenangst, so dass die Betreuerin Strategien entwickelte, um diese z.B. durch Begleitung, Erläuterung der deutschen Verwaltungsstrukturen, Erklärungen von Vorgängen zu bearbeiten.

Der Betreute ist noch heute durch die Erlebnisse in seinem Heimatland traumatisiert, so hat er als Kind u. a. Folterungen seiner Landsleute und Familie sowie die Vergewaltigung seiner Mutter miterlebt. Hier bedarf es der psychotherapeutischen Aufarbeitung dieser Ereignisse in seiner Muttersprache. Dazu besorgte die Betreuerin einen Therapieplatz in einer Tagesklinik, die ein entsprechend muttersprachliches Angebot machen konnte.

Zur Unterstützung, Mobilisierung und Regelung seiner Tagesstruktur organisierte die Betreuerin im Rahmen der Eingliederungshilfe eine migrationsspezifische ambulante Betreuung.

Weitere migrationsspezifische Aufgaben ergaben sich durch den Aufenthaltsstatus des Betreuten. So ist er ohne Visum illegal nach Deutschland eingereist und besitzt lediglich eine Duldung. Hierbei ist zu beachten, dass geduldete Menschen in Deutschland kein Recht auf Sozialhilfeleistungen und keine Arbeitserlaubnis haben. Ein solcher Aufenthaltsstatus sorgt also für instabile Lebensverhältnisse, da er regelmäßig verlängert werden muss und eine Abschiebung droht. Daher ist es zur psychischen Stabilisierung von großer Bedeutung einen sicheren Aufenthalt zu erreichen.

Durch seine türkische Staatsangehörigkeit ist Herr C. verpflichtet, in seinem Heimatland den Wehrdienst abzuleisten. Durch seine psychische Erkrankung war ihm dies nicht möglich; So musste die Betreuerin das komplizierte Verfahren der Wehrdienstbefreiung initiieren und begleiten.

Des Weiteren sorgte die Betreuerin dafür, dass der Betroffene entsprechend seiner Ressourcen gefördert wurde: Nach erfolgreicher therapeutischer Behandlung absolvierte er einen Deutschkurs, erlangte die Fahrerlaubnis und eine Arbeitsstelle als Fahrer, was wiederum seine Chance auf eine Stabilisierung seines  Aufenthalts erhöht.

Inzwischen kann er unter Anleitung und Unterstützung der Betreuerin viele Angelegenheiten eigenständig regeln, seine Sprachkompetenzen haben sich erweitert und sein Leben stabilisiert, so dass eine Aufhebung der Betreuung bald in Betracht gezogen werden kann.

Bt-Portal: Nutzen Menschen mit Migrationshintergrund in gleicher Weise vorhandene Vorsorgeinstrumente wie Vorsorgevollmachten, Patientenverfügungen oder Betreuungsverfügungen? Und wie verhält es sich mit dem Zugang zur rechtlichen Betreuung?

Ali Türk: Unserer Erfahrung nach nutzen Personen mit Migrationshintergrund weitaus weniger entsprechende Vorsorgeinstrumente. Die Gründe hierfür sind vielfältig: So ist dies sicherlich in mangelndem Wissen und nicht ausreichender Information begründet, aber auch darin, dass wenige Konzepte zur zielgruppenspezifischen Aufklärung existieren, die an den kulturellen Bedürfnissen, Ängsten und Erfahrungen aus den Herkunftsländern anknüpfen und bedarfsgerecht beraten. Außerdem gibt es noch erhebliche strukturelle Zugangsbarrieren (z.B. durch mangelnde Sprachkenntnisse, Unwissenheit über die eigenen Rechte oder Anlaufstellen, mangelnde transkulturelle Kompetenz der Beratenden usw.), was die Nutzung von Beratungen zu präventiven Maßnahmen erschwert. Außerdem spielt das Thema Vorsorge und Prävention in vielen Herkunftsländern eine untergeordnete Rolle, wenn es denn dort überhaupt rechtliche Betreuung und vergleichbare Maßnahmen zur Betreuungsvermeidung gibt – so dass kulturelle bedingt entsprechende Handlungsmuster nicht unbedingt verankert sind.

Dasselbe gilt auch für den Zugang zum Instrument der rechtlichen Betreuung: Dieser ist für viele Migranten aus den genannten Gründen versperrt. Unserer Erfahrung nach sind Personen mit Migrationshintergrund bezüglich der rechtlichen Betreuung daher deutlich unterversorgt. In den Fällen, wo diese Menschen bereits betreut werden, finden in der Betreuungsführung leider auch häufig kulturelle Aspekte durch mangelndes Wissen und fehlende Kompetenzen der Professionellen keine oder kaum Berücksichtigung.

Das Betreuungsrecht enthält – von Zuständigkeitsvorschriften abgesehen - keine spezifischen Regelungen für die Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund. Bräuchte es die an der einen oder anderen Stelle oder kommen Sie mit den bestehenden Regelungen zurecht?

Ali Türk: An dieser Stelle müsste man zwischen bestehendem und umgesetztem Recht differenzieren. Bezüglich der vorhandenen Rechtsgrundlagen besteht kein Anpassungsbedarf, da das Gesetz schon die Rücksichtnahme auf den Willen und das Wohl des Betroffenen vorsieht. Allerdings müsste im Betreuungsverfahren diesen Aspekten durch Einbeziehung der kulturellen Herkunft des Betroffenen stärker Rechnung getragen werden. So sollten der Migrationshintergrund, die Sprachkompetenzen und die Migrationsgeschichte schon zu Beginn des Verfahrens im Rahmen des Sachverständigengutachtens/Sozialberichts erhoben werden und eine wesentliche Einflussgröße in der Betreuerauswahl darstellen. Außerdem sollten, wenn nötig, professionelle im Betreuungsrecht geschulte Dolmetscher eingebunden werden, um eine adäquate Kommunikation zu gewährleisten und das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen zu wahren sowie auch seinem Recht auf Verfahrens- und Informationstransparenz gerecht zu werden.

Was allerdings dringend angepasst werden müsste, sind die rechtlichen Grundlagen für die Höhe der Vergütungssätze. Hier sollten die zusätzlichen und auch zeitintensiven Aufgaben, die ein Betreuer für einen Betreuten mit Migrationshintergrund erledigen muss – wie z.B. Pass- oder Konsulatsangelegenheiten, aufenthaltsrechtliche Fragestellungen oder die Klärung der Krankenversicherung – in einer erhöhten Vergütungspauschale Berücksichtigung finden.

Bt-Portal: Wir haben viel über Unterschiede und Besonderheiten in der rechtlichen Betreuung von Migrantinnen und Migranten gesprochen. Was sind denn die Gemeinsamkeiten?

Ali Türk: Eine wesentliche Gemeinsamkeit ist, dass man als rechtlicher Betreuer den jeweilig betreuten Menschen immer individuell betrachten muss, denn dessen Lebensbedingungen, Ressourcen und Bedürfnisse können weder generalisiert noch kulturalisiert werden, ebenso wenig wie die persönliche Krankheits- und/oder Lebensgeschichte. Auch der grundsätzliche Auftrag, den Willen und das Wohl zu achten, unterscheidet sich nicht, genauso wenig wie die notwendige Grundhaltung des Betreuers, respektvoll und empathisch mit dem Betreuten umzugehen sowie die Anforderung, entsprechende Beziehungsarbeit leisten zu müssen.

Unabhängig von der kulturellen Herkunft sind darüber hinaus die Vermittlung der Betreuerfunktion und dessen Handlungsgrenzen, die Aufrechterhaltung einer angemessenen Nähe-Distanz-Relation sowie die Einbindung der sozialen Netzwerke als Ressource in der professionellen rechtlichen Betreuung bedeutsam.

Bt-Portal: Im Koalitionsvertrag kündigten CDU/CSU und SPD eine strukturelle Verbesserung des Betreuungsrechts an. Hätten Sie aus Ihrer Sicht neben der Anpassung der Vergütungssätze weitere Vorschläge und Anliegen, die Sie den Politikern nahe bringen möchten?

Ali Türk: Aus unserer Sicht müssen die vorrangigen Hilfesysteme ausgebaut und nicht reduziert werden, insbesondere die niedrigschwelligen Zugänge und der Abbau von Zugangsbarrieren für Menschen mit Migrationshintergrund müssen hierbei Beachtung finden.

Systeme zur Betreuungsvermeidung sollten bereits an früher Stelle im Betreuungsverfahren installiert werden. Zur Entwicklung solcher Präventionsstrategien sollten Projektgelder zur Verfügung gestellt werden. Ein unbedingtes Muss ist auch die Erweiterung der Finanzierung der Querschnittsarbeit, die die Betreuungsvereine leisten, damit die Ehrenamtlichenakquise und -begleitung verstärkt, in hoher Qualität sowie zielgruppenspezifisch umgesetzt werden kann.

Bereits bei der Betreuerauswahl und selbstverständlich bei der Betreuungsführung müssen migrationsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Hierzu ist transkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter im Gericht, bei der Betreuungsbehörde und der Betreuer dringend erforderlich. Eine Verankerung von Qualitätsnormen und -vorgaben für Berufsbetreuer und Ehrenamtliche würde zudem die Qualität der Betreuungsarbeit steigern.

Um auf die Bedarfssituation besser eingehen zu können, ist es erforderlich, dass das Gericht oder die Betreuungsbehörde Betreutendaten zum Migrationshintergrund und den Sprachkenntnissen sammelt und regelmäßig auswertet. Insgesamt wäre eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik Betreuungsrecht und Migration von besonderer Bedeutung, um diesen Bereich weiter zu erhellen und konkrete Handlungskonzepte entwickeln zu können.

Bt-Portal: Herr Türk, ich bedanke mich für das Interview!

Markus Koppen

Das schriftliche Interview mit Ali Türk führte Markus Koppen, freier Online-Redakteur des Bundesanzeiger Verlags, im Dezember 2013.

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