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Ich würde mir eine Weiterentwicklung des Berufsbildes wünschen!

–  Ein Interview mit Karl-Heinz Zander, Geschäftsführer des Betreuungsgerichtstags e.V.–

Karl-Heinz Zander ist Westfale – er wurde 1952 in Lünen geboren. Und er ist Sozialarbeiter auf Umwegen, der zunächst andere berufliche Wege einschlug und in den 1970er Jahren Theologie und Philosophie studierte, um einige Jahre in der pastoralen Arbeit einer Kirchengemeinde tätig zu sein.
1984 zog es Karl-Heinz Zander noch einmal an die Hochschule. Diesmal zu einem Studium der sozialen Arbeit. Nach einem Zwischenstopp in der Straffälligenhilfe zog es ihn beruflich in den Bereich des Erwachsenenschutzes zu einem Bochumer Betreuungsverein. Dort ist er bis heute tätig.Über das Ruhrgebiet hinaus kennt man unseren Interviewpartner aber eher im Zusammenhang mit dem Betreuungsgerichtstag (BGT e.V.).

Im Jahr 2005 wurde Karl-Heinz Zander Geschäftsführer dieses Fachverbandes, der damals, noch vor der großen Verfahrensrechtsreform, als Vormundschaftsgerichtstag firmierte. In einigen Monaten nun geht er in den Ruhestand. Für uns Anlass genug, ihn nach den Erfahrungen der letzten Jahre und zu seinen Zukunftsvorstellungen zu befragen.


Karl-Heinz Zander führt seit 12 Jahren die operativen Geschicke des Betreuungsgerichtstages (BGT e.V.). Er kann auf eine ereignisreiche Zeit zurückblicken. Im Jahr 2005 war die „Jahrhundertreform“ mit der Einführung der rechtlichen Betreuung bereits einige Jahre in Kraft. Es galt in dieser Zeit, mit den Erfahrungen der ersten 13 Jahre im Rücken, die notwendigen weiteren Veränderungen anzustoßen und zu begleiten. Und so war Zanders Amtszeit vielleicht Vieles, aber sicher war sie nicht langweilig: die Pauschalierung der Betreuervergütung, die Einführung des FamFG, die Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention, die Reform der ärztlichen Zwangsbehandlung, um nur eine Auswahl zu geben. Damit einher gingen fachliche Diskussionen, an denen der Betreuungsgerichtstag immer engagiert beteiligt war und ist und in denen er versucht, die am Betreuungswesen Beteiligten mit ihren teils ähnlichen aber mitunter eben auch differierenden Interessen an einen Tisch zu bekommen.

Sechs Betreuungsgerichtstage auf Bundesebene haben seit 2005 stattgefunden, an denen Karl-Heinz Zander maßgeblich beteiligt war. Als herausragendes Ereignis kann man sicher den 4. Weltkongress Betreuungsrecht bezeichnen, der im vergangenen Jahr in Erkner stattgefunden hat und dessen Gastgeber der Betreuungsgerichtstag und das International Guardianship Network war.

In einigen Monaten wird Karl-Heinz Zander nun seine berufliche Laufbahn beenden – er geht in den Ruhestand. Anlass genug, ihn nach den Erfahrungen der letzten Jahre und zu seinen Zukunftsvorstellungen zu befragen.


Bt-Portal: Herr Zander, der Weltkongress Betreuungsrecht liegt jetzt etwa fünf Monate zurück. Mit etwas Abstand betrachtet – welche Eindrücke sind Ihnen in Erinnerungen geblieben?

Karl-Heinz Zander: Die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die offene Gesprächsatmosphäre. Einer der Referenten sagte, es sei für ihn eine Aufbruchstimmung wie auf den ersten Vormundschaftsgerichtstagen in den Anfangstagen des Betreuungsrechts gewesen. Viel zur guten Atmosphäre beigetragen hat sicherlich auch das gute Wetter während des Weltkongresses. Wir hatten ja bewusst den September als Veranstaltungszeit gewählt, so dass z.B. die gemeinsame Bootsfahrt durch Berlin am ersten Abend des Weltkongresses für viele Gäste zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde.

Bt-Portal: Die Tagung war von Fachleuten aus aller Welt besucht. Kann der Erwachsenenschutz in Deutschland von ausländischen Rechtssystemen lernen oder gab es Praxisprojekte, deren Ansatz auf Deutschland übertragen werden könnte?

Karl-Heinz Zander: Verschiedene Modelle fand ich sehr interessant: Beeindruckt hat mich der Ansatz der jungen japanischen Wissenschaftlerin Fumi Suga. Sie denkt den Erwachsenenschutz und den Schutz älterer Menschen vor finanzieller Ausbeutung mehr vom Gedanken des Verbraucherschutzes her. Alte Menschen und alle, welche im Geschäftsleben Schutz brauchen, sollen durch allgemeine Verbraucherschutzgesetze geschützt werden, weniger durch spezielle Schutzmaßnahmen, welche sie natürlich in gewisser Weise auch exkludieren.

Überhaupt scheint mir der Sinn für den finanziellen Schutz alter Menschen in anderen Ländern, z.B. Japan, Singapur oder Kanada viel stärker ausgeprägt zu sein, als dies bisher in Deutschland der Fall ist. Wir haben bisher, was gut und richtig war, ein starkes Augenmerk auf die Vernachlässigung alter Menschen in der Pflege gelegt. Die finanzielle Ausbeutung alter Menschen kommt in Deutschland erst langsam in den Blick. Uwe Brucker hat in der BtPrax in den letzten Monaten (BtPrax 2016, Seiten 163 ff. 221 ff.) und dazu einen langen, wegweisenden Artikel geschrieben.

Spannend fand ich auch die verschiedenen Impulse zur Umsetzung der unterstützten Entscheidungsfindung. Hier hat es aus zahlreichen Ländern Impulse gegeben, die unsere deutsche Praxis bereichern können. Interessant fand ich aber auch die deutschen Beiträge beim Projektwettbewerb des Weltkongresses (www.wcag2016.de/gewinner.html). So haben Mitarbeiterinnen der Universität Hamburg ein Schulungsprogramm für ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer entwickelt, welches informierte Entscheidungen für und mit Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt stellt. Eine Mitarbeiterin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität setzt sich mit Menschenwürde und Persönlichkeitsrechten bei Versorgungsabhängigkeit in der häuslichen Pflege auseinander.

Bt-Portal: Theresia Degener, Vizepräsidentin des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, war zu Gast in Erkner. Der Ausschuss zeigte sich 2015, im Rahmen der Staatenprüfung, über die Unvereinbarkeit des deutschen Betreuungsrechts mit der Behindertenrechtskonvention besorgt. Diese Einschätzung traf hierzulande auf wenig Zustimmung und löste eine lebhafte Diskussion aus. Gab es eine Annäherung im Rahmen des Weltkongresses?

Karl-Heinz Zander: Wir haben uns auf dem Weltkongress – und auch auf dem Betreuungsgerichtstag 2014 – sehr viel mit den Modellen unterstützter Entscheidungsfindung beschäftigt. 2012 war ja unsere „große“ Stellungnahme „Unterstützen und Vertreten“ entstanden, in welcher wir uns klar dafür aussprechen, dass das deutsche Betreuungsrecht mit den Forderungen der Behindertenrechtskonvention kompatibel ist. Wir sehen allerdings in der Praxis des Betreuungsrechts große Umsetzungsdefizite. Je deutlicher wir also die Praxis des Betreuungsrechts in Deutschland den gesetzlichen Vorgaben annähern, umso mehr nähern wir es auch an die Behindertenrechtskonvention an. Die größten Hemmnisse sehe ich zur Zeit in der unzureichenden finanziellen Ausstattung der Betreuungsvereine, in der bisher wenig erprobten Vermittlung von anderen Hilfen innerhalb unseres Sozialsystems und in einer noch sehr wenig ausgeprägten Fortbildung der Akteure in der Justiz. Da ist noch viel Luft nach oben.

Der Weltkongress selbst hat durch die Verabschiedung der Aktualisierung der Erklärung von Yokohama sicherlich einen Meilenstein gesetzt, hinter den der internationale Erwachsenenschutz nicht mehr zurück kann. Ich bin froh, dass die Aktualisierung der Deklaration von Yokohama so deutlich die Notwendigkeit zur Abschaffung aller Formen von Entmündigung betont und uns vor Augen führt, dass Systeme, die ausschließlich der rechtlichen Unterstützung und dem rechtlichen Schutz von Erwachsenen dienen, die Zukunft sind.

Bt-Portal: Herr Zander, lassen Sie uns das Thema wechseln. Seit bald 30 Jahren sind sie im Betreuungswesen tätig. 2005 sind Sie Geschäftsführer des Betreuungsgerichtstags (BGT) geworden, der damals noch Vormundschaftsgerichtstag (VGT) hieß. 2017 werden Sie ihren Mantel nehmen und in den Ruhestand wechseln. Viel ist in dieser Zeit passiert im Betreuungswesen. Woran denken Sie besonders gerne zurück?

Karl-Heinz Zander: Besonders gerne denke ich an meinen ersten Vormundschaftsgerichtstag 1994 in Friedrichroda in Thüringen zurück. Der Beitritt der neuen Bundesländer war noch jung, man sah es sogar an den Straßen, die zwischen der Rhön und Thüringen neu asphaltiert waren. Gisela Lantzerath, Rechtspflegerin aus Bochum und damalige stellvertretende Vorsitzende des VGT, hatte mich eingeladen und mir eine neue Welt eröffnet: fachlicher Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland, Referenten, die das Betreuungsrecht „aus erster Hand“ erläuterten. Ich war damals seit sechs Jahren als Vereinsbetreuer in Bochum tätig und der Austausch hat meine Arbeit nachhaltig belebt. Später habe ich dann ehrenamtlich im VGT-Vorstand mitgearbeitet und 2005 bin ich Geschäftsführer geworden.

Besonders gern erinnere ich mich an die vielen regionalen Betreuungsgerichtstage in ganz Deutschland, die ich besuchen konnte. Ich habe dort viele engagierte Diskussionen miterleben dürfen, viele interessante Leute kennengelernt.

Glücklich war ich immer dann, wenn die Akteure des Betreuungswesens zu einem echten Austausch gefunden haben, wenn Juristen und Sozialarbeiter sich mit ihren verschiedenen Sprachen verstanden haben, wenn Betreuungsbehörden, Gerichte und Betreuer ihre Erfahrungen austauschen konnten, ohne sich zu beschuldigen oder zu kränken.

Bt-Portal: Das ist interessant. Was braucht es denn nach ihren Erfahrungen, um einen funktionierenden Austausch zwischen den Akteuren hinzubekommen?

Karl-Heinz Zander: Alle müssen bereit sein, auf Augenhöhe zu diskutieren und die Verschiedenheiten des anderen zu achten. Gerade die unterschiedlichen Perspektiven der Akteure des Betreuungswesens sind unsere Stärke: Die Absichten eines Sozialarbeiters sind meist auf die gesamte Person bezogen. Der Jurist sieht meist die Fallkonstellation und versucht ihr gerecht zu werden. Der Vertreter der Verwaltung denkt meist an die sinnvolle Organisation eines Ablaufs. Wenn alle zusammenarbeiten, wird das eine prima Sache – und es dient dem Wohl des Betroffenen!

Bt-Portal: Und was sehen Sie aus heutiger Perspektive eher kritisch?

Karl-Heinz Zander: Eher kritisch sehe ich Situationen, in denen zwischen Verbänden „gemauert“ wurde. Das habe ich zwar seltener erlebt, aber das waren unschöne Erlebnisse.

Ich bin mir sicher, dass Sie auch als Privatmann das Betreuungswesen weiter beobachten und begleiten werden. Welche Entwicklungen würden Sie mittel- und langfristig gerne vollzogen sehen?
Karl-Heinz Zander: Ich würde mir eine Weiterentwicklung des Berufsbildes für Betreuer wünschen. Nur so können wir Qualität im Betreuungswesen und besonders bei den „Endverbrauchern“, den Betreuten selbst, garantieren. Wir hatten uns ja unter den Verbänden im Betreuungswesen im Kasseler Forum zusammengetan, um diese Entwicklung zu beschleunigen.

Außerdem halte ich eine Stärkung des Austausches zwischen den einzelnen Akteuren des Betreuungswesens für notwendig. Ich habe mich sehr für die Gründung der Überörtlichen Arbeitsgemeinschaft für das Betreuungswesen in NRW engagiert. Ich wünsche mir diese gute Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Gerichten, Betreuungsbehörden, Betreuungsvereinen, von Berufsbetreuern und ehrenamtlichen Betreuern auf kommunaler Ebene, auf Landesebene und auf Bundesebene. Und ich hoffe, dass der Betreuungsgerichtstag hierzu noch viele Jahre sein Expertenwissen und das Engagement seiner Mitglieder in die Waagschale werfen kann.

Bt-Portal: Herr Zander, vielen Dank für das Interview!

Markus Koppen

Das Interview mit Karl-Heinz Zander führte Markus Koppen, freier Online-Redakteur des Bundesanzeiger Verlags, im Februar 2017.

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