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© Machmits, Hildesheim

BGT-Förderpreisgewinner im Profil – "Machmits-Infomobil"

Ein Mobiles Beratungsangebot im Landkreis Hildesheim

Vorstellung des Trägers des BGT-Föderpreises 2018 "Das Machmits-Infomobil" und ein Interview mit Holger Meyer, Leiter der Betreuungsstelle im Landkreis Hildesheim

Hintergrund

Steckbrief

Interview mit Holger Meyer

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Seit 2012 verleiht der Betreuungsgerichtstag e.V. einen Förderpreis im Andenken an den Vormundschaftsrichter Lothar Kreyssig aus Brandenburg an der Havel. Kreyssig setzte sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts dem Willkürregime der Nationalsozialisten entgegen, indem er die Ermordung von Menschen mit Behinderung in seinem Gerichtsbezirk verhinderte. Nach dem zweiten Weltkrieg war er maßgeblich an der Gründung der Aktion Sühnezeichen beteiligt.
Der Preis will Initiativen oder Projekte würdigen, die neue Wege in der Anwendungspraxis des Betreuungsrechts und bei der Förderung von Netzwerken im professionellen und ehrenamtlichen System des Betreuungswesens gehen.
Im Rahmen des vergangenen 16. Betreuungsgerichtstages in Erkner wurde der Preis geteilt und an zwei Projekte vergeben, die wir Ihnen im Newsletter der BtPrax und auf den Seiten des Bt-Portals vorstellen möchten. I Heute geht es dabei um das Machmits-Infomobil des Landkreises Hildesheim.


Hintergrund

Ein Beratungsangebot muss Ratsuchende oder auch potentiell interessierte Menschen erreichen. Und es muss selbst erreichbar sein. Das wäre banal zu nennen, wenn es in der Praxis nicht mitunter ein erhebliches Problem darstellen würde.

Erreichbarkeit hat viele Aspekte. Öffnungszeiten können dabei ebenso eine Rolle spielen wie mögliche – oder auch unmögliche – Kommunikationskanäle. Bauliche Barrieren beeinflussen Erreichbarkeit genauso wie die verkehrstechnische Anbindung.

Vor allem in ländlichen Gebieten ist es aber oftmals die räumliche Entfernung, die das Zusammenkommen von Ratsuchenden und Ratgebenden verunmöglicht oder zumindest erschwert. Dies gilt umso mehr für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Wichtig sind in diesen Fällen niedrigschwellige Angebotsstrukturen vor Ort.

Mobile Beratungsangebote können auch für Betreuungsbehörden und Betreuungsvereine ein Mittel sein, ihre Belange bei den Menschen in ihrem Einzugsgebiet bekannt zu machen und über Vorsorgeinstrumente und das Betreuungsrecht zu informieren.

© Machmits, Hildesheim

Steckbrief

Der Landkreis Hildesheim, im Süden von Niedersachsen gelegen, beheimatet etwa 276.000 Menschen. Davon leben etwa 100.000 Menschen in Hildesheim selbst. Der Hauptort ist damit die mit Abstand größte Ansiedlung im Landkreis. Die übrigen Einwohner – knapp 30 Prozent von ihnen sind 60 Jahre und älter – verteilen sich auf 18 Städte und Gemeinden, einschließlich der Stadt Hildesheim. Wie bei vielen der knapp 300 Landkreise in Deutschland handelt es sich um einen Flächenlandkreis.

Die Beratungsangebote des Landkreises werden eher zentral in Hildesheim und Alfeld angeboten. Dies hat zur Folge, dass an Ratsuchende mehr oder weniger hohe Anforderungen bezüglich ihrer Mobilität gestellt werden.

Mit dem Mitmachs-Infomobil versucht der Landkreis seit 2015 Beratungsangebote in die Fläche zu bringen und damit die Menschen in ihrem Lebensumfeld zu informieren und anzusprechen. Mindestens zwei Mal im Jahr taucht der weiße Kleinbus in jeder Gemeinde des Landkreises auf. Dabei geht es neben anderen Themen auch um die Bereiche Betreuung, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen.

Projektname: 
Machmits-Infomobil


Projektträger:
Landkreis Hildesheim, Betreuungsstelle, im Rahmen der Kooperationsgemeinschaft „die Machmits“


Projektlaufzeit:
Seit 2015, zunächst Auslegung auf zwei Jahre, Verlängert von 2018–2020


Projektziel:
Dezentrale, wohnortnahe Beratung zu den Themen: rechtliche Betreuung einschl. Vorsorgevollmachten, Leistungen des Pflegestützpunktes, Seniorenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement


Zielgruppe:
Keine grundsätzliche Altersbeschränkung. Projektbedingt vorrangige Zielgruppe 60 +


Projektbeschreibung:
Mobiles, regelmäßiges Beratungsangebot in allen Städten und Gemeinden des Landkreises Hildesheim


Kooperationspartner:
Betreuungsverein Hildesheim e.V.

© Machmits, Hildesheim
Holger Meyer, Hildesheim

Interview mit Holger Meyer, Leiter der Betreuungsstelle im Landkreis Hildesheim

Holger Meyer (58 Jahre), Leiter der Betreuungsstelle, kennt das Beratungsprojekt von Beginn an und berichtet über Herausforderungen, Chancen und Kooperationsmöglichkeiten.

Bt-Portal: Herr Meyer, wie kam es zu dem Projekt, was waren die Beweggründe, den Bürgern ein Beratungsangebot vor der Haustüre anzubieten?

Holger Meyer: Die sich auch im Landkreis Hildesheim auf Grund des demografischen Wandels veränderten Strukturen (mehr ältere, allein lebende Menschen, sich verändernde Infrastruktur) haben beim Landkreis Hildesheim dazu geführt, über eine veränderte Form der bedarfsorientierten und nachhaltigeren sozial- und seniorenpolitischen Beratungsform nachzudenken und mit dem Machmits-Infomobil aktiv darauf zu reagieren.

Bt-Portal: Sie sprechen unter anderem eine veränderte Infrastruktur an. Wurden denn die Angebote der Betreuungsstelle oder auch des Betreuungsvereins in den vergangenen Jahren aus der Fläche zurückgezogen?

Holger Meyer: Tatsächlich mussten ab ca. 2005 Angebote aus der Fläche wieder zurückgezogen werden, da diese nicht mehr ausreichend genutzt wurden. So wurden z.B. bis zum Start des Machmits-Infomobils durch den Betreuungsverein Hildesheim e.V. im Rahmen seiner Querschnittstätigkeit regelmäßige Sprechstunden in den Rathäusern der Städte und Gemeinden angeboten. Die Resonanz darauf war letztlich so, dass nach Abwägung zwischen Aufwand und Ertrag von Manfred Marhenke als Geschäftsführer des Vereins mit Rücksprache bei der Betreuungsbehörde dieses Angebot aufgegeben wurde.

Die Machmits sind aber weiterhin, neben dem Mobil, zentral und in der Fläche aktiv. Wir bieten monatliche Infoveranstaltungen im Kreishaus zur Vorsorgevollmacht an. Einmal monatlich findet das sog. Regionaltreffen ehrenamtlicher Betreuerinnen und Betreuer im Kreishaus statt. Seit zwei Jahren haben wir im südlichen Kreisgebiet wieder einen „Stammtisch“ für ehrenamtliche Betreuer ins Leben gerufen, der sich vierteljährlich trifft. Wir machen selbstverständlich auch weiter Informationsveranstaltungen mit örtlichen Partnern (Kirchen, Sozialverbänden usw.), um neben den zentralen Veranstaltungen und der Präsenz des Mobils weitere Möglichkeiten anbieten zu können. Der Verein bietet auch regelmäßige Einführungsveranstaltungen für neue, ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer an. Die Machmits veranstalten einmal jährlich Fortbildungsveranstaltungen für Berufsbetreuerinnen und -betreuer, ausgerichtet an deren Wünschen.

Bt-Portal: Wie sind die bisherigen Erfahrungen? Wird das Angebot angenommen?

Holger Meyer: Mit der Resonanz und dem Volumen auf das Beratungsangebot „Machmits-Infomobil“ waren die Initiatoren zum Ende des zunächst auf zwei Jahre befristeten Projektes überaus zufrieden, weshalb es auch gelang, die Fortsetzung des Projektes für den Zeitraum von weiteren 4 Jahren kreisintern zu erreichen.

Bt-Portal: Mussten Sie das Projekt aufgrund der gemachten Erfahrungen im Laufe der Zeit verändern oder anpassen?

Holger Meyer: Die bisherigen, positiven Erfahrungen haben dazu geführt, Überlegungen hinsichtlich der Ausweitung des Beratungsangebotes innerhalb der Kreisverwaltung zu diskutieren.
Dieses betrifft Bereiche wie Jugend, Migration aber auch zeitweilige Einbindung von Beratungsangeboten wie Verbraucherschutz und Klimaberatung. Dazu erfolgt eine enge Abstimmung mit den beteiligten Fachdiensten. Es erscheint aber aus hiesiger Sicht enorm wichtig, die jeweiligen, kommunalpolitischen Entscheidungsträger vor Ort von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Beratungsangebotes zu überzeugen und einzubinden.

Bt-Portal: Welche Fragen rund um das Thema Vorsorge interessieren denn die Menschen in besonderer Weise?

Holger Meyer: Die Fragen dazu sind so vielschichtig, wie das Thema selbst. Zunächst ist es wichtig, die Unterschiede der einzelnen Bereiche und deren Rechtsfolgen in verständlicher Sprache zu vermitteln. Wir erleben immer dann eine verstärkte Nachfrage, wenn in den Medien über Negativbeispiele über die Betreuung berichtet wird, aber auch, wenn die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum Thema Patientenverfügung das Thema in die Öffentlichkeit bringt.

Bt-Portal: Sie kommen mit Menschen in der Fußgängerzone, in ihrem Alltag ins Gespräch. Wie schafft man den Übergang von diesem eher unverbindlichen Rahmen in die Vermittlung konkreter Leistungen und Angebote?

Holger Meyer: Zunächst einmal ist es wichtig, die natürliche Hemmschwelle der Bürgerinnen und Bürger zu realisieren und zu akzeptieren. Es erscheint den Menschen ungewöhnlich, dass eine Behörde aktiv auf die Menschen, abseits der klassischen Behördenstruktur zugeht. Wenn diese Berührungsängste überwunden sind, zeigt sich jedoch sehr schnell das weitergehende Interesse der Menschen an Information und Beratung. Aus der Beratungssituation vor Ort ergibt sich sehr häufig auch die Notwendigkeit, mögliche andere Bedarfe, die über das Beratungsangebot des Machmits-Infomobiles hinausgehen, mit Zustimmung der Personen an die entsprechenden Fachdienste der Kreisverwaltung (z.B. Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege usw.) weiterzuleiten.

Es ist jedoch wichtig klarzustellen, dass das Machmits-Infomobil nicht das vollumfängliche Rechts- und Leistungsspektrum der Kreisverwaltung abbildet. Insofern erfolgt auch teilweise lediglich ein Hinweis auf die entsprechenden Ansprechpartner in der Kreisverwaltung.

Bt-Portal: Wenn Sie von der Vermittlung und Weiterleitung an andere Fachdienste bei Ihnen im Kreis erzählen, könnte man auf die Idee kommen, dass das Angebot die Hürde zur Inanspruchnahme von notwendigen Sozialleistungen senkt und letztlich unnötige Betreuungsverfahren vermieden werden, oder ist das zu weit gegriffen? Überfrachtet man damit die Erwartungen an das Angebot?

Holger Meyer: Meine persönliche Einschätzung nach 25 Jahren Tätigkeit in der Betreuungsbehörde ist die, dass unsere regelmäßigen Informationen und Beratungen sicherlich einen mittel- und langfristigen Effekt auf die Erstellung von Vollmachten haben und damit in der Zukunft Betreuungsverfahren in nicht unerheblicher Größe vermieden werden können.

Wichtig ist aber nicht nur die Beratung potentieller Vollmachtgeber. Auch die Bevollmächtigten müssen mehr in den Fokus gestellt werden. Sehr häufig ist es leider so, dass durch den immer noch bestehenden Eindruck der Entmündigung durch das Betreuungsverfahren und die Negativbeispiele über Vermögensdelikte vorschnell Bevollmächtige eingesetzt werden, die sich dann nicht in der Lage sehen , die Angelegenheiten ihres Vollmachtgebers zu besorgen. Oder, was in der Praxis leider auch vorkommt, dass auch die Bevollmächtigen sich als ungeeignet herausstellen.

Die Komplexität unseres Sozialsystems, welches unter Umständen durch das Bundesteilhabegesetz noch erhöht wird, aber auch die immer höher werdende Arbeitsbelastung des Personals bei den Kostenträgern führt meines Erachtens dazu, dass von dortiger Seite die gesetzgeberisch definierte Informations-, Beratungs- und Mithilfe bei der Antragstellung nicht erfolgt und erst über den Umweg über das Betreuungsrecht Zugang zu Leistungen möglich ist.

Bt-Portal: Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank für das Interview!

Markus Koppen

Das Interview mit Holger Meyer führte Markus Koppen, freier Online-Redakteur des Bt-Portals, im April 2019.

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