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"Komplementäre Hilfen" – ein effektives Instrument zur Betreuungsvermeidung!

–  Ein Interview mit Relindis Tooten, vom KSD Hamm zum Projekt „komplementäre Hilfen“ –

Relindis Tooten ist Mitarbeiterin beim Katholischen Sozialdienst e.V. in Hamm. Sie ist dort seit vielen Jahren im Betreuungsverein tätig und kennt die örtlichen Akteure genauso gut wie die soziale Infrastruktur und die rechtlichen Rahmenbedingungen. All das ist notwendig, um den häufig komplexen Problemlagen gerecht zu werden, denen sie im Rahmen des Projekts „komplementäre Hilfen“ begegnet.

Welcher Ansatz dahinter steht, für welche Zielgruppe das Projekt geeignet ist, welche Bedarfe zutage treten und welche Möglichkeiten noch ungenutzt sind – darüber berichtet Relindis Tooten im Interview mit dem Bt-Portal des Bundesanzeiger Verlags.


Bald wird es zwei Jahre her sein, dass das „Gesetz zur Stärkung der Funktionen der Betreuungsbehörde“ in Kraft getreten ist. Ein zentraler Ansatz des Gesetzgebungsverfahrens war und ist die Stärkung der Betreuungsbehörden zu Beginn eines Betreuungsverfahrens. Seitdem wird bei beginnenden Verfahren regelmäßig überprüft, ob Betreuungsalternativen im Sinne des § 1896 Abs. 2 BGB bestehen, die eine Betreuung überflüssig machen.

Gesetzlich verankert ist der Grundsatz der Erforderlichkeit seit Einführung des Betreuungsrechts, fand jedoch – so ahnte der Gesetzgeber – in der Praxis zu wenig Beachtung.

Im Grunde ist der vom Katholischen Sozialdienst e.V. Hamm verfolgte Ansatz ähnlich. Zu Beginn bzw. im Vorfeld eines Betreuungsverfahrens wird gemeinsam mit der betroffenen Person nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, die eine rechtliche Betreuung nicht notwendig werden lassen. An die Stelle der Betreuungsbehörde tritt jedoch ein Betreuungsverein. Der entscheidende Unterschied: Der Verein prüft nicht nur geeignete Alternativen, er übernimmt auch die gesamte Fallverantwortung. Der oder die Betroffene wird also nicht nur auf Handlungsmöglichkeiten oder Ansprüche hingewiesen, sondern ganz konkret unterstützt und begleitet.

Die Fallzahlen sind zwar gering, deuten aber darauf hin, dass der Ansatz Wirkung zeigt. In Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Betreuungsgerichten und den Betreuungsbehörden ist es möglich, so scheint es, Potentiale zur Betreuungsvermeidung zu aktivieren, die nicht zu Lasten der Betroffenen gehen. Dies ist möglich, weil sie nach der Analyse der Bedarfslage Unterstützung oder Assistenz zur Regelung ihrer Angelegenheiten erhalten. So werden Problemlagen behoben, die nicht notwendigerweise immer eine meist langjährige Betreuung erfordern.

Der Ansatz erfordert Personaleinsatz und man könnte einwenden, dass in vielen Fällen Betreuungen vermieden werden könnten, wenn Sozialleistungsträger ihren Aufklärungs- und Beratungspflichten in ausreichendem Maß nachkommen würden oder das Leistungsrecht übersichtlicher gestaltet wäre. Zum einen aber sieht die Realität vielerorts anders aus und vielleicht braucht es zum anderen mitunter auch gut ausgebildete und vernetzte Behörden- und Betreuungsvereinsmitarbeiter, die bei komplexen Lebenssachverhalten den Überblick bewahren und im Umgang mit den Betroffenen Erfahrung haben. Und diese Spezialisten findet man eben vor allem im Betreuungswesen.


Bt-Portal: Bevor wir über ein interessantes Projekt reden, das ihre Einrichtung ins Leben gerufen hat, erzählen sie doch etwas über den Katholischen Sozialdienst e.V. in Hamm.

Relindis Tooten: Vorhergehend möchte ich mitteilen, dass die Grundidee zu diesem Projekt über die Betreuungsstelle der Stadt Hamm entwickelt wurde und auf der guten Zusammenarbeit im Rahmen eines Netzwerks Betreuung fußt.

Jetzt aber zum Katholischen Sozialdienst e.V.: Der Katholische Sozialdienst e.V. (KSD) ist ein Fachverband des Deutschen Caritasverbandes. Auf Bundesebene ist er angegliedert an den Sozialdienst katholischer Frauen e.V.

Der KSD ist in verschiedenen Bereichen der sozialen Arbeit tätig, u.a. in der Schuldner- und Insolvenzberatung, der Familienhilfe, der Vormundschaftsarbeit, der Stadtteilarbeit, dem Kinder-Pflegedienst, der Familienhilfe, der Hilfen für junge Volljährige und im Rahmen des Betreuungsvereins.

Die Aufgaben im Betreuungsverein umfassen die hauptberufliche Führung von rechtlichen Betreuungen sowie die Arbeit im Querschnittsbereich, also der Gewinnung, Beratung und Begleitung von ehrenamtlichen rechtlichen Betreuerinnen und Betreuern und Bevollmächtigten sowie die Beratung zur Erstellung von Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen.

Seit Jahren arbeitet der KSD im Rahmen des Netzwerks Betreuung in guter und enger Kooperation mit der Betreuungsstelle der Stadt Hamm und dem Betreuungsverein INI e.V. zusammen.

Bt-Portal: Ihr Verein hatte die Idee, dem Erforderlichkeitsgrundsatz, der das gesamte Betreuungsrecht durchzieht, zu mehr Gewicht zu verhelfen. Was waren ihre Überlegungen, welche Erfahrungen haben Sie gemacht, die Sie auf diesen Weg gebracht haben? Spielte das „Gesetz zur Stärkung der Funktionen der Betreuungsbehörde“, das 2014 Jahr in Kraft getreten ist, dabei eine Rolle?

Relindis Tooten: Erste konzeptionelle Überlegungen für das Projekt „Komplementäre Hilfen“ begannen Anfang 2013. Seinerzeit kündigte sich das „Gesetz zur Stärkung der Funktionen der Betreuungsbehörde“ bereits an. Die Betreuungsstelle der Stadt Hamm und der Betreuungsverein des KSD sahen darin die Chance, wirksamer als in der Vergangenheit nach geeigneten anderen Hilfen zu suchen und diese zu vermitteln.

Unsere Erfahrung besagte bis dahin, dass zunehmend Betreuungen aus Krisensituationen heraus eingerichtet wurden, die unübersichtlich und vielschichtig waren, und womit sich vorhandene spezifizierte Sozialdienste überfordert fühlten. Unserer Einschätzung nach wurden in diesen Fällen in der Vergangenheit von diversen Institutionen, wie z.B. Krankenhäusern, Behörden oder Einrichtungen, zunehmend reflexartig Rechtliche Betreuungen als Lösung für diese Problemlagen angesehen

Als mögliche Ursache für dieses Verhalten vermuten wir, dass die problemübergreifende Sozialarbeit im Laufe der letzten Jahre zu Gunsten spezifizierter Hilfen in den Hintergrund gerückt ist und sich kaum noch Sozial- und Beratungsdienste finden lassen, die sich auf die Bearbeitung komplexer Problemlagen einlassen können oder wollen. Wir hatten die starke Vermutung, dass diese Menschen, für die eine Rechtliche Betreuung in Aussicht genommen wurde, mit einer passgenauen Beratung und Unterstützung ihre Angelegenheiten auch ohne Rechtliche Betreuung adäquat hätten regeln können.
Insbesondere die Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention, als Mensch mit Behinderung selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben zu können, hat in unseren Überlegungen eine große Rolle gespielt.

Wir analysierten also den Personenkreis der Menschen, für die durchweg Rechtliche Betreuungen eingerichtet worden waren, bildeten Fallgruppen und analysierten deren Problemlagen und Bedarfe. Schnell wurde klar, dass nur ein bestimmter Personenkreis für die Inanspruchnahme des Projektes in Frage kam und dieser dann grundsätzliche Voraussetzungen erfüllen musste.

Es wurden vier Kriterien festgelegt, die allesamt und in jedem Fall erfüllt sein müssen:

  • Es besteht ein Zusammenhang mit einem in Aussicht stehenden oder laufenden Betreuungsverfahren.
  • Es besteht Kooperationsfähigkeit und -bereitschaft des betroffenen Menschen.
  • Alles was zu regeln ist, kann mit dem betroffenen Menschen gut besprochen werden.
  • Von dem betroffenen Menschen können eigenständige Entscheidungen getroffen werden.

Die Betreuungsstelle der Stadt Hamm war schließlich das Zugpferd, das diese Form der Hilfestellung umsetzen wollte, um dem Gesetz gerecht zu werden.

Bt-Portal: Und worum geht es nun genau? Was machen Sie mit den Menschen, die zu Ihnen kommen?

Relindis Tooten: Es geht um eine unterstützte Entscheidungsfindung und um eine Hilfe zur selbstbestimmten Lebensführung. Es geht um problemübergreifende Hilfe zur Bewältigung und Überwindung womöglich komplexer akuter Problemlagen. Es geht um eine übergangsweise, niedrigschwellige, aufsuchende Beratung und Unterstützung.

Entweder kann der Mensch nach Bewältigung der aktuellen Probleme seine Dinge wieder vollständig eigenständig bearbeiten und erledigen oder es erfolgt die Suche und die Weitervermittlung an andere langfristige Hilfen wie z.B. ambulant betreutes Wohnen, Schuldnerberatung, offene Altenhilfe o.ä. Kann die Problemlage ohne Rechtliche Betreuung nicht bewältigt werden, wird in Absprache mit dem betroffenen Menschen gegenüber dem Gericht die Einrichtung der Betreuung befürwortet.

Die konkrete Arbeit lässt sich am besten anhand einiger Beispiele beschreiben:

Beispiel 1: Ein 35-jähriger Mann mit psychischer Erkrankung hat sich mit seinem ambulanten Anbieter für betreutes Wohnen überworfen. Die Fronten sind beidseitig verhärtet, zwischenzeitlich ist der Weiterbewilligungsantrag für ALG II überfällig und es sind finanzielle Engpässe entstanden. Dem Mann gelingt es nicht, einen neuen Anbieter zu finden und der finanzielle Druck wird immer größer. Ihm wird von Dritten dringend ans Herz gelegt, für sich eine Rechtliche Betreuung zu beantragen.
Die Beratung und Unterstützung durch das Projekt sah so aus, dass die Konflikte mit dem alten Anbieter des betreuten Wohnens geschlichtet wurden, ein neuer Anbieter gesucht und gefunden wurde, die Leistungsansprüche gegenüber den Sozialbehörden geltend gemacht und gesichert wurden und der junge Mann nun mit Unterstützung des betreuten Wohnens prima alleine zurechtkommt.

Beispiel 2: Ein 83-jähriger rollstuhlpflichtiger, immobiler Mann in einem Pflegeheim ist mit der Versorgungsstruktur in seiner Einrichtung dermaßen unzufrieden, dass er aus Wut über die Zustände und die Ignoranz der Heimleitung im Hinblick auf seine Beschwerden die Zahlung der Eigenanteile für die Heimkosten eingestellt hatte. Daraufhin hatte die Heimleitung die Einrichtung einer Rechtlichen Betreuung beantragt.

Die Beratung und Unterstützung durch das Projekt sah so aus, dass die Konflikte zwischen Bewohner und Heim aufgegriffen wurden. Da sie nicht beigelegt werden konnten, wurde auf Wunsch des Mannes ein geeignetes neues Heim gesucht und gefunden und der Umzug organisiert. Es wurde eine Pflegestufe beantragt und die teilweise Übernahme der Heimkosten beim Sozialamt beantragt. In dem neuen Heim war die Versorgung zufriedenstellend und der alte Herr kam wieder alleine zurecht.

Beispiel 3: Ein 25-jähriger Mann mit einer leichten Intelligenzminderung, Mitarbeiter der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, lebt in einer eigenen Wohnung und will mit den Stadtwerken eine Ratenzahlung zur Tilgung seiner Stromschulden vereinbaren. Die Stadtwerke wollen darauf nur dann eingehen, wenn ein Rechtlicher Betreuer bestellt wird.

Die Beratung und Unterstützung durch das Projekt sah so aus, dass zunächst eine Überprüfung der Einkommenssituation und möglichen Leistungsansprüche stattfand. Insbesondere Unstimmigkeiten mit dem Amt für Grundsicherung in Verbindung mit Kindergeldzahlungen konnten ausgeräumt werden. Im Hinblick auf die Forderungen der Stadtwerke konnte der junge Mann erfolgreich an die Schuldnerberatung vermittelt werden. Eine Rechtliche Betreuung ist nicht mehr notwendig.

Beispiel 4: Eine 37-jährige Frau mit einer Lese-/Schreibschwäche, Mitarbeiterin einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, wird von ihrer Herkunftsfamilie massiv finanziell unter Druck gesetzt, weil sie sich gegen die Art und Weise der Abwicklung des Nachlasses ihres verstorbenen Adoptivvaters durch die Adoptivmutter widersetzt hatte, um ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.

Die Beratung und Unterstützung durch das Projekt konnte die Konflikte mit der Herkunftsfamilie nicht auflösen. Im Gegenteil: Es wurde offensichtlich, dass die Rechtsposition der jungen Frau dringend gestärkt werden musste, weil die Adoptivmutter womöglich durch zurückliegende Verfügungen Schaden angerichtet hatte. Es wurde im Einvernehmen mit der betroffenen Person dem Gericht gegenüber die Einrichtung einer Betreuung empfohlen und auf Wunsch der jungen Frau eine Vertrauensperson aus ihrem eigenen befreundeten Umfeld als ehrenamtliche Rechtliche Betreuerin eingesetzt. Beide gemeinsam haben zur Erbauseinandersetzung eine Fachanwältin eingeschaltet. Die ehrenamtliche Betreuerin wird durch den Betreuungsverein unterstützt.

Alle Beispiele wurden aus Rücksicht auf die Verständlichkeit nur vereinfacht dargestellt. Tatsächlich sind die Dinge – wie alles im Leben – sehr viel komplexer.

Bt-Portal: Auf dem Papier leuchtet das Konzept ein. Wird es auch tatsächlich in Anspruch genommen? Und vor allem: Erfüllt es seinen Zweck?

Relindis Tooten: Von 2014 bis 2015 wurden von unserem Betreuungsverein insgesamt 18 Fälle im Rahmen des Projektes bearbeitet. In zwei Fällen wurde die Hilfe durch die betroffenen Menschen nicht angenommen und der ursprüngliche Weg, der Antrag auf Einrichtung einer Rechtlichen Betreuung, wurde weiterverfolgt.

Alle anderen 16 Personen haben engagiert mitgearbeitet und sich zufrieden mit der Vorgehensweise und Zielsetzung gezeigt. Davon gehen vier Personen wieder ihre eigenen Wege und kommen selber klar, weitere vier Personen wurden in andere Hilfen übermittelt wie z.B. Schuldnerberatung oder betreutes Wohnen. In vier Fällen wurde eine rechtliche Betreuung eingerichtet; zweimal gelang dabei die Vermittlung einer ehrenamtlichen Betreuung. Und in einem Fall konnte eine Vorsorgevollmacht ausreichende Hilfe bieten. Drei laufende Fälle gestalten sich derzeit so, dass nach jetziger Einschätzung auch hier auf Dauer andere Hilfen ausreichend sein werden.

Bt-Portal: Wie kommt denn der Kontakt zu den Betroffenen zustande?

Relindis Tooten: Die Fälle werden dem Projekt von der kommunalen Betreuungsstelle zugewiesen. Zwischen den Betroffenen und der Betreuungsstelle hat es also bereits im Vorfeld einen Kontakt gegeben und ihnen wurden dort die „Komplementären Hilfen“ angeboten. Wenn sie dieses Angebot annehmen wollen und die Beratung und Unterstützung durch das Projekt befürworten, erhalten wir als Betreuungsverein die Kontaktdaten.

Danach wird der Kontakt von Seiten des Betreuungsvereins ganz unkompliziert telefonisch oder schriftlich aufgenommen und ein persönliches Gespräch wird vereinbart. Es findet ganz nach Wunsch des betroffenen Menschen dort statt, wo er es für sich als angenehm empfindet. Also entweder in der eigenen Wohnung oder in unserer Dienststelle oder an anderer Stelle. Dann wird die Problemlage besprochen und die Möglichkeiten der komplementären Hilfen werden geklärt. Am Ende erfolgt eine Vereinbarung über die Zielsetzung und Vorgehensweise und eine Erklärung des Betroffenen, mit der Aufnahme in das Projekt einverstanden zu sein. Diese Erklärung mit einer Stellungnahme der Betreuungsstelle erhält das Betreuungsgericht, so dass in diesen Fällen die Betreuungsverfahren vorläufig eingestellt werden.

Bt-Portal: Worum geht es typischerweise bei den Projektfällen und welcher zeitliche Aufwand steckt dahinter?

Relindis Tooten: Es geht typischerweise um psychosoziale Konflikte mit dem Umfeld durch abweichendes Verhalten, um Überforderung bei behördlichen Angelegenheiten, um Klärung von Leistungsansprüchen und Wiederherstellung der existenziellen Grundlagen. Es geht um die Klärung medizinischer Belange, um die Auseinandersetzung mit Gläubigern, um die Überwindung von Einsamkeit. Als Handicaps tauchen organische und psychische Erkrankungen auf, geistige Behinderungen und Suchterkrankungen, diverse Überforderungssyndrome im Alter aber auch bei jungen Erwachsenen und Tumorerkrankungen im fortgeschrittenen Stadium.

Der zeitliche Aufwand ist so unterschiedlich wie die einzelnen Problemlagen und Menschen, die damit zu tun haben. Der genaue Zeitaufwand wurde in allen Fällen exakt aufgezeichnet. Dennoch lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt keine Formel daraus ableiten. Manche Fälle waren innerhalb von 2 Monaten abgeschlossen mit zwei bis fünf Stunden pro Monat. Andere Fälle benötigten auf Grund der spezifischen Problemlage unter Umständen einen Zeitraum von bis zu 10 Monaten, beanspruchen dabei aber weniger Stunden im Monatsdurchschnitt. In diesem Stadium des Projektes erschien es uns wichtig, dem jeweiligen Fallverlauf genau die Zeit zu geben, die er benötigt, um mit dem größtmöglichen Erfolg gestaltet zu werden.

Bt-Portal: In welchen Konstellationen ist ihre Arbeit sinnvoll und wo stoßen Sie an Grenzen?

Relindis Tooten: Ein gutes psychosoziales Netzwerk und umfangreiche Kenntnisse über Leistungsansprüche gegenüber Dritten sowie der schnelle Zugriff auf die Beratung zu Vorsorgevollmachten oder Einsatz von ehrenamtlichen Rechtlichen Betreuern im Bedarfsfalle waren womöglich ausschlaggebend für die erfolgreiche Gestaltung der Fallverläufe. Ebenfalls hilfreich war die zügige Besprechung der Projektmöglichkeiten mit den Betreuungsrichtern. Sie wurden von Beginn an über die geplante „Komplementäre Hilfe“ informiert und von deren Sinnhaftigkeit überzeugt.

Richtiggehend an Grenzen sind wir noch nicht gestoßen, wenn und insoweit die vier Kriterien eingehalten werden, die zur Aufnahme in das Projekt als Bedingung festgelegt wurden. Unter Umständen müsste genau in die entgegengesetzte Richtung gefragt werden: Könnte die eine oder andere bestehende Rechtliche Betreuung unter bestimmten Umständen auch durch eine solche komplementäre Hilfe wieder aufgehoben werden?

Bt-Portal: Werden Sie dem Ansatz nachgehen?

Relindis Tooten: Aus unserer Erfahrung heraus sind wir uns ziemlich sicher, dass es eine ganze Reihe von rechtlichen Betreuungen gibt, die durch den Einsatz komplementärer Hilfen wieder aufgehoben werden könnten. Derzeitig können wir mit den vorhandenen Möglichkeiten des Projektes diesem Ansatz aber nicht nachgehen. Das würde unsere Möglichkeiten und Ressourcen überfordern.

Bt-Portal: An welchen Türen würden Sie Nachahmern empfehlen anzuklopfen, um Gelder für ein solches oder ein ähnliches Projekt zu akquirieren?

Relindis Tooten: Als erstes sollte an die Türe der Betreuungsrichter geklopft werden, um Einigkeit darüber zu erzielen, dass ein solches oder ähnliches Projekt vor Ort Sinn macht. Betreuungsstelle, Betreuungsverein und Betreuungsgericht sollten an einem Strang ziehen.

Die Stadt Hamm hat sich erfreulicherweise bereit erklärt, ein solches Projekt wie oben beschrieben zu fördern, um ein niederschwelliges Angebot für Bürgerinnen und Bürger mit Schwierigkeiten in der Rechtsvertretung zu erproben.

Wenn ein grundsätzlicher Wille besteht, in der Richtung der Projektidee weiter zu denken, sollte die Finanzierung durch Landesmittel an die Betreuungsvereine erfolgen. Der Landeshaushalt profitiert letztlich, wenn die Einrichtung von rechtlichen Betreuungen vermieden wird. Betreuungsvereine bieten sich mit ihrer guten Vernetzung für die Durchführung solcher Tätigkeiten an.

Bt-Portal: Frau Tooten, vielen Dank für das Interview!

Markus Koppen

Das Interview mit Relindis Tooten führte Markus Koppen, freier Online-Redakteur des Bundesanzeiger Verlags, im Februar 2016.

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