ThemenübersichtMenü
Bau Immobilien

Interview mit Rainer Dirk, Experte und Buchautor zum Thema "Energieeffizientes und schadensfreies Bauen"

Jetzt wird es ernst. An der Umsetzung der EnEV 2014 kommt nun niemand mehr vorbei. Warum das so ist und was es bei der Umsetzung der Richtlinie zu beachten gilt, erläutert der Experte und Buchautor Rainer Dirk.

Der Architekt Rainer Dirk aus Regensburg ist schon viele Jahre als Experte im Bereich energieeffizientes und schadensfreies Bauen tätig. Sein Fachwissen zum Wärmeschutz im Wohnungsbau und zur Energieeinsparverordnung vermittelt er in Seminaren und Fortbildungen der Architektenkammern Bayern und Baden-Württemberg an Architekten und Ingenieure. Auch an Studenten der Fachrichtungen Bauingenieurwesen und Architektur an der OTH Regensburg gibt er sein Sachverständnis zum energetischen Wohnungsbau weiter. Den aktuellen Stand der Verordnung hat er nun auch in dem Buch „Energieeinsparverordnung Schritt für Schritt“ zu Papier gebracht. Erläuterungen zur EnEV 2014 und Berechnungsbeispiele geben einen umfassenden Überblick über die Neuerungen. 

Redaktion Bautechnik: Herr Dirk, warum interessierten Sie sich so sehr für das Thema Energieeffizienz?

Rainer Dirk: Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange. In den siebziger und achtziger Jahren ging es vor allem um die Reduzierung der großen Energieverbräuche unter dem Aspekt der Endlichkeit der fossilen Energiereserven. Erweitert wurde die Diskussion in den neunziger Jahren um die Problematik des hohen CO2 Ausstoßes und damit verbunden mit den Änderungen des globalen Klimas. Mit der Erkenntnis, dass fast 40 % der fossilen Energie allein für die häusliche Wärme verbraucht wird, steht fest, dass der Architekt diese Fragen wesentlich beeinflussen kann.

Redaktion Bautechnik: Was bewirkt die EnEV 2014 Ihrer Meinung nach in Bezug auf die Umsetzung der Richtlinien durch Architekten und Ingenieure? Wird es jetzt ernst?

Rainer Dirk: Zur Lösung der bekannten Probleme ist es natürlich notwendig, dass der Gesetzgeber entsprechende Vorgaben macht. Nachdem die Fragen nicht national geregelt werden können, hat die EU Richtlinien verabschiedet und dies damit in einen europäischen Kontext gestellt. Insbesondere die Forderung, dass für Gebäude Energieausweise auszustellen und zwingend vorzulegen sind, ist eine zentrale Forderung der EU Gebäuderichtlinie. Damit wurde mit dem In Kraft treten der EnEV 14 zum 1. Mai 2014 das Bewusstsein dafür gestärkt.

Redaktion Bautechnik: Ist denn die Akzeptanz für energieeffizientes Planen und Bauen noch immer nicht vorhanden? 

Rainer Dirk: Generell ist die Akzeptanz vorhanden und im Neubaubereich werden heute zukunftsweisende Lösungen in Form von Effizienzhäusern nach KfW, Passivhäusern oder sogar Plusenergiehäusern tatsächlich gebaut. Jedoch ist der Neubau nur ein kleines Segment im Baugeschehen. Wichtiger ist es, bei Gebäuden die nach 30 – 40 Jahren einer grundlegenden Sanierung unterzogen werden, neben den notwendigen Modernisierungen auch energetische Verbesserungen vorzunehmen. Wird bei einer jetzt anstehenden Sanierung keine energetische Verbesserung vorgenommen, werden die Bewohner dieser Gebäude die zu erwartenden erhöhten Kosten für die Energie tragen müssen. Dies muss auch unter dem Aspekt des noch „bezahlbaren Wohnraums“ gesehen werden.

Redaktion Bautechnik: Welche wichtigen Änderungen bringt die EnEV 2014 den Architekten, Ingenieuren und auch den Bauherren?

Rainer Dirk: Die Nachweisersteller müssen beachten, dass der spezifische Transmissionswärmeverlust um ca. 20 % abgesenkt wird und der Primärenergiebedarf um ca. 25 %. Jedoch wird diese Änderung erst ab 2016 verlangt. Dabei empfehle ich jedoch, dieses Anforderungsniveau bereits heute einzuplanen, bzw. den Bauherrn jetzt darüber in Kenntnis zu setzen.

Im Sanierungsbereich sind die Anforderungen der EnEV 09 weiterhin maßgeblich. Einige Klarstellungen sorgen für mehr Rechtssicherheit, so wird die Anforderung an die oberste Geschossdecke insoweit präzisiert, dass der Begriff ungedämmt den Mindestwärmeschutz der DIN 4108 Teil 2 (Ausgabe Februar 2013) in Bezug nimmt. Das bedeutet, wenn oberste Geschossdecken den heute gültigen Mindestwärmeschutz nicht erfüllen, muss eine nachträgliche Dämmung erfolgen. Bei Gebäuden die nach 1.1.1984 eine Baugenehmigung beantragt haben, müssen bei einer evtl. Außenputzerneuerung oder bei Änderungen im Dachbereich keine zusätzlichen Dämmmaßnahmen vorgenommen werden.

Neben diesen technischen Anforderungen gelten seit dem 1.5.2014 neue Standards bei Energieausweisen. Bei Neuvermietungen oder bei Verkäufen von Gebäuden muss unaufgefordert ein Energieausweis (Verbrauch oder Bedarf) vorgelegt und bei Vertragsabschluss ausgehändigt werden. Schon im Vorfeld müssen in Immobilienanzeigen unter anderem der Endenergiekennwert genannt werden.

Redaktion Bautechnik: Im August ist Ihr Buch „Energieeinsparverordnung Schritt für Schritt“ im Bundesanzeiger Verlag in der 6., überarbeiteten und aktualisierten Auflage erschienen. Welche Inhalte bietet Ihr Buch? Was hat sich im Vergleich zur letzten Auflage geändert?

Rainer Dirk: Alle Teile wurden aktualisiert, natürlich auch die rechtliche Stellungnahme von Herrn Prof. Dr. Rauch. Neben den energetischen Berechnungen wurde auch der sommerliche Wärmeschutz anhand der neuen Normung überarbeitet. Dies alles wird in den Beispielen für  Wohngebäude und ein Beispiel für ein Nichtwohngebäude (Büro- und Geschäftshaus) ausführlich und nachvollziehbar dargestellt.

Redaktion Bautechnik: In Ihren Tätigkeiten als Sachverständiger bei Gericht und als Referent von Seminaren zum Wärmeschutz im Wohnungsbau und zur Energieeinsparverordnung erhalten Sie einen guten Einblick, wie Ihre Kollegen mit den Anforderungen der EnEV umgehen. Wo drückt denn aus Ihrer Sicht der Schuh in der Praxis am meisten?

Rainer Dirk: Im Großen und Ganzen klappt die Umsetzung und sieht man einmal von Flüchtigkeitsfehlern ab, sind die meisten Ergebnisse plausibel. Wir müssen jedoch in Zukunft mehr Wert darauf legen, dass unsere theoretischen Berechnungen klar und übersichtlich auf die Baustelle kommen. So gehören zu einer Nachweisberechnung Planskizzen, aus denen eindeutig die Systemgrenze hervorgeht. Ebenfalls ist darauf zu achten, dass Wärmebrückendetails entweder anhand der Gleichwertigkeit mit dem Beiblatt 2 der DIN 4108 bzw. auf der Grundlage konkreter Wärmebrückenberechnungen in die Planung übernommen werden. Luftdichtheitsmessungen sollten heute zum Standardrepertoire einer energetischen Planung gehören.

Redaktion Bautechnik: Wird das energieoptimierte Bauen im Standard des Niedrigstenergiegebäudes bis zum Jahr 2021 umgesetzt werden können?

Rainer Dirk: Wir haben heute Baustoffe zur Verfügung, um Häuser mit einem sehr geringen Energiebedarf zu bauen. Die Optimierung der baulichen Hülle ist dabei die Voraussetzung, Niedrigstenergiegebäude zu verwirklichen. Für Bauteilwerte bedeutet dies konkret:

Außenwände U < 0,20 W/(m²∙K); Fenster < 1,0 W/(m²∙K); Dach < 0,15 W/(m²∙K); Boden  und erdberührte Wände < 0,25 W/(m²∙K).

Mit diesen Werten und einer detaillierten Wärmebrückenberechnung ist ein Heizwärmebedarf von ca. 30 kWh/(m²a) zu erreichen. Wählt man dazu eine Sole/Wasser Wärmepumpe so kann man auf Endenergiewerte von ca. 4.000 kWh/a kommen. Diese Energiemenge kann mit einer Photovoltaikanlage (ca. 50 m²; 5 kWp) bilanztechnisch ausgeglichen werden. Leider haben wir momentan noch keine ausreichende, bezahlbare Speichertechnologie zur Verfügung, die den sommerlichen Energie-Überschuss in der Heizperiode nutzbar machen würde. Als Fazit kann man sagen, die Technologien sind vorhanden schon heute Niedrigstenergiegebäude zu errichten.

Redaktion Bautechnik: Herr Dirk, welche Anstrengungen wünschen Sie sich von politischer Seite, damit Ihre Kolleginnen und Kollegen das Regelwerk gut umsetzten können?

Rainer Dirk: Der Verordnungsgeber hat mit der Novellierung den ersten Schritt getan, indem Energieausweise verpflichtend vorgelegt werden müssen und somit im Planungsablauf eine höhere Wertigkeit bekommen. Bezüglich der Rechenverfahren ist es dringend notwendig, dass nicht mehrere Rechenverfahren zur Auswahl stehen. Damit wird das Verfahren beliebig und die Akzeptanz nimmt ab. Weiterhin müssen die unterschiedlichen Anforderungsparameter (EnEV – EEWärmeG) dringend zusammengefasst werden. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass sich mehr Architekten der Problematik annehmen, weil eine gute energetische Planung sich deutlich am Gebäude ablesen lässt.

Redaktion Bautechnik: Herr Dirk, vielen Dank für das Interview.


 

Kurzprofil des Buchautors Rainer Dirk

Rainer Dirk (Dipl. Ing) ist als Architekt in Regensburg tätig und auf das Thema Wärmeschutz im Wohnungsbau seit 1996 spezialisiert. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Wärmeschutz im Wohnungsbau und Sachverständiger zur Energieeinsparverordnung.

Als Buchautor erläutert er die Neuregelungen der EnEV 2014 in seinem Buch „Energieeinsparverordnung Schritt für Schritt“, welches im Bundesanzeiger Verlag im August 2014 in der 6., überarbeiteten und aktualisierten Auflage erschien.

Für die Architektenkammer Bayern und die Architektenkammer Baden Württemberg führt er regelmäßig Seminare und Fortbildungen zum Thema Wärmeschutz im Wohnungsbau und zur Energieeinsparverordnung durch.

Rainer Dirk ist zudem als Lehrbeauftragter an der Fakultät Bauingenieurwesen der Ostbayrischen Technische Hochschule (OTH) Regensburg tätig.

Weitere Informationen über Rainer Dirk erhalten Sie auf seiner Website.

LITERATUR-TIPP!

Ein-/Ausblenden

Energieeinsparverordnung Schritt für Schritt

Wohngebäude, Nichtwohngebäude - Erläuterungen, Beispiele, Excel-Berechnungsblätter

Das kompetente Handwerkzeug für den Energieausweis!

Preis: € 49,00

Zum Produkt