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Porträt Mike Schlaich - copyright Zooey Braun
Steg in Ditzingen - copyright schlaich bergermann partner

Interview mit Leichtbau-Experte Prof. Dr. sc.techn. Mike Schlaich

Für den Leichtbau-Experten Prof. Dr. sc.techn. Mike Schlaich reicht das Berechnen und Bemessen für einen Bauingenieur heutzutage nicht aus. Für ebenso notwendig erachtet er das Entwerfen und Konstruieren, damit gute Konzepte entstehen, die zu baukulturell wertvollen Lösungen führen. Insbesondere für Planungsteams im Hochbau und Brückenbau ist seiner Meinung nach dieses Zusammenspiel entscheidend, um in den zunehmend interdisziplinär arbeitenden Teams als Bauingenieur erfolgreich mitzuwirken.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Schon als Kind wurden Sie durch die Arbeit Ihres Vaters Prof. Jörg Schlaich geprägt. Ihr Vater erbaute als Bauingenieur Anfang der 70er Jahre das Dach des Olympiastadiums in München in einer neuartigen Seilnetzkonstruktion. Was fasziniert Sie an dieser Konstruktion ganz besonders?

Prof. Mike Schlaich: Das Dach des Olympiastadions in München ist eine der Wurzeln unseres Büros. Mein Vater hat als Projektleiter, damals noch im Büro Leonhardt und Andrä, zusammen mit seinem späteren Partner Rudolf Bergermann erfolgreich entwerferisches und konstruktives Neuland betreten und einen Leichtbau entwickelt, der heute noch wegen seiner Eleganz und der vielen Innovationen beeindruckt. Seither planen wir bei schlaich bergermann partner Leichtbauten, die materialminimiert Ressourcen schonen und damit wirklich nachhaltig sind. Das Dach gefällt mir aber auch, weil die offenere und transparente Form ein neues Deutschland gezeigt hat, das sich von der schweren Architektur der düsteren Nazizeit verabschiedet hat.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Leichtbau – das wurde Ihnen praktisch in die Wiege gelegt – stammt daher auch Ihr Credo, dass Sie Menschen nicht durch Betonwüsten schicken, sondern schöne, leichte und nachhaltige Baukultur schaffen möchten, an denen sich die Menschen erfreuen? Wie gelingt es Ihnen, effizient, ressourcenschonend und leicht zu bauen?

Prof. Mike Schlaich: Wir Bauingenieure haben eine baukulturelle Verantwortung. Wir möchten mit guten Bauten, die wir gerne ansehen, Lebensqualität erzeugen. Dazu müssen Bauingenieure das Entwerfen und Konstruieren, also mehr als Berechnung und Bemessung, beherrschen. Genau das versuchen wir an der TU Berlin zu lehren und in unserem Büro zu praktizieren. So werden wir ernstzunehmende Partner in den immer interdisziplinärer werdenden Planungsteams im Hochbau. Nur so können wir im Brückenbau, der Königsdisziplin des Bauingenieurwesens, ansprechende und wirtschaftliche Konzepte entwickeln.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Sie bauen Solarkraftwerke, zum Beispiel in China, Indien, Ägypten und in Kalifornien. Welchen Beitrag leisten Sie als Bauingenieur mit Ihren Konstruktionen? Muss der Strom Ihrer Ansicht nach zukünftig aus der Wüste kommen?

Prof. Mike Schlaich: Die Energie, die wir „verbrauchen“ muss in Zukunft aus der Sonne kommen. Das schreit uns mittlerweile schon die Jugend entgegen. Seit bald 40 Jahren entwickeln wir deshalb Solarkraftwerke für die Wüsten dieser Erde. Wir kennen uns besonders mit solarthermischen Kraftwerken (CSP), bei denen gut speicherbare und schnell abrufbare Wärme für die Stromerzeugung genutzt wird, aus. Die technischen Lösungen sind da, und vor allem in Kombination mit Photovoltaik werden mittlerweile überall große Kraftwerke gebaut. Gäbe es für die Länder Nordafrikas endlich auch die politischen und rechtlichen Lösungen, könnte unser Strom bald von dort kommen. Nicht nur das, die Länder dort hätten eigene Erneuerbare Energie, und wegen der lokalen Wertschöpfung beim Bau von CSP-Kraftwerken, gäbe es dort auch mehr Arbeit. Stellen Sie sich vor, wie sich das positiv auf die Migrationsproblematik auswirken würde!

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Eines Ihrer persönlichen Lieblingsprojekte derzeit ist die Fußgängerbrücke in Ditzingen, in der Nähe von Stuttgart. Dort haben Sie eine Schalenbrücke entworfen, die 30 Meter lang und nur 2 cm dick ist. Ein Orangennetz stand Ihnen hierfür Modell. Für die Umsetzung haben Sie einen Mix aus Hightech und traditionellen Methoden angewendet. Was macht die Konstruktion für Sie so spannend?

Prof. Mike Schlaich: Der kleine Steg ist ein Ingenieurmanifest. Er zeigt, dass sich klassische Formfindungs- und modernste parametrisierte Entwurf- und Berechnungsmethoden durchaus kombinieren lassen, genauso wie sich Fabrikationsmethoden mit „state-of-the-art“ Laserschneidern und traditionelle Methoden des Schiffbaus bestens ergänzen können. Diese filigrane, begehbare Edelstahlschale, die mit rund 28m Länge und 20mm Blechstärke im Verhältnis sechsmal dünner als ein Ei ist, vereint einige der Prinzipien, die in den Projekten unseres Büros immer wieder auftauchen. Das gilt vom Spiel mit der Umkehrung für die Formfindung, die Nutzung von Symbiosen - wie die Übertragung der Vorteile der doppelten Krümmung aus dem Membranbau auf den Brückenbau - und dem werkstoffgerechten Einsatz der Materialien, bis hin zu den kugelförmigen Lagern der Schale‚ die als Hommage an Jörg Schlaichs Stuttgarter Betonschale aus dem Jahr 1974 gedacht sind. Bei der Formfindung half tatsächlich ein Orangennetz aus dem Supermarkt. Dessen Vierecksmaschen bilden, wenn das Netz gespannt wird, sehr schön den Kraftfluss ab.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Sie wünschen sich, dass Ingenieure als Erfinder Ihre Geschichten erzählen lernen. Darum haben Sie an der Technischen Universität Berlin, an der Sie am Lehrstuhl Entwerfen und Konstruieren – Massivbau lehren, erstmalig eine internationale Konferenz veranstaltet – die „Footbrige2017“. Was war das Besondere an dem Konzept der Konferenz?

Prof. Mike Schlaich:  Die „Footbrige2017“ stand unter dem Motto „tell a story“ und die Teilnehmer waren aufgefordert, nicht nur wissenschaftliche Artikel abzugeben und zu präsentieren, sondern Geschichten zu erzählen. Wie kam es zum jeweiligen Entwurf? Wer hat uns inspiriert? Von wem kann man lernen? Was gefällt mir nicht? Den Diskurs pflegen, zu diskutieren und zu kritisieren ohne zu verletzen. All diese Dinge, die ja auch Teil unserer Arbeit sind, wurden auf der dreitägigen Konferenz in Berlin thematisiert. Das war wirklich stimulierend. Außerdem konnten die Teilnehmer statt eines Artikels auch Brückenentwürfe für ausgewählte Orte in Berlin abgeben. Das war kein Wettbewerb. Alle 80 Brückenentwürfe - die Stars der Szene und auch Studierende aus aller Welt haben mitgemacht - wurden in dem Buch „the world´s footbridges for berlin“ zusammengefasst und den Konferenzteilnehmern als Andenken mitgegeben.

Vielen Dank für das Interview!


 

Kurzprofil des Experten für Leichtbau Prof. Dr. sc.techn. Mike Schlaich

Seit 1999: Partner bei schlaich bergermann partner, Stuttgart

Seit 2004: Professor Technische Universität Berlin, Lehrstuhl Entwerfen und Konstruieren

1993-1999: Bauingenieur bei schlaich bergermann partner, Stuttgart

1989-1993: Bauingenieur bei Fhecor, Madrid

1989: Promotion Dr. sc. techn. der Ingenieurwissenschaften

1981-1985: Studium Bauingenieurwesen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich

1979-1981: Studium Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart

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