ThemenübersichtMenü
Bau Immobilien

Interview mit Digitalisierungsexperte der Baubranche Prof. Dr.-Ing. Joaquin Diaz

Joaquin Diaz wollte schon immer die Welten des Bauens und der Informatik miteinander verknüpfen. Leidenschaft, Neugier und der Drang nach neuen Technologien waren seine treibenden Kräfte, sich der Digitalisierung der Baubranche zu widmen. Für seine herausragenden Leistungen in der Informatik im Bauwesen erhielt er Ende 2016 die Konrad-Zuse-Medaille. Wie er den Rückstand der Baubranche hinsichtlich der Digitalisierung und der Produktivität bewertet, erfahren Sie im Interview.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Herr Professor Diaz, herzlichen Glückwunsch zur Konrad-Zuse-Medaille, die Ihnen im November 2016 vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes für Ihre herausragenden Leistungen in der Informatik im Bauwesen verliehen wurde. Für welche Entwicklungen wurden Sie mit der Medaille geehrt? 

Prof. Joaquin Diaz: Die Verleihung der Konrad-Zuse-Medaille war für mich eine außerordentlich großartige Auszeichnung über die ich mich sehr gefreut habe. Es ist schon eine Ehre mit berühmten Namen wie Zuse, Nixdorf, Obermeyer und Nemetschek in einer Reihe genannt zu werden. Das Konrad-Zuse-Kuratorium des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes hat mir die sehr renommierte Konrad Zuse Medaille für meine wissenschaftlichen und berufspolitischen Aktivitäten im Bereich der Informatik im Bauwesen verliehen. Insbesondere wurden die Entwicklungen von Projektkommunikationssystemen auf Basis von BIM und die Initiierung von XML im Gemeinsamen Ausschuss Elektronik im Bauwesen (GAEB), die zur Entwicklung des neuen Datenformats GAEB-XML geführt haben, besonders gewürdigt.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Der Hauptteil der Leistungsabrechnung im Bauwesen wird mit dem GAEB-Standard vollzogen. Sie haben mit der Entwicklung des Datenformats GAEB- XML diese Methode weiterentwickelt. Welche Vorteile liefert der digitale Datenaustausch mit GAEB?

Prof. Joaquin Diaz: Der GAEB ist letztes Jahr 50 Jahre alt geworden. Das Wissen und die Kompetenzen um die Prozesse des Bauwesens, insbesondere in der Ausschreibung, Vergabe und der Abrechnung, sind im GAEB außergewöhnlich hoch und weltweit anerkannt. Das digitale, zeilenorientierte Austauschformat GAEB90 war allerdings in die Jahre gekommen. Meine Leistung war es, die GAEB-Mitglieder davon zu überzeugen, dass ein zukunftsorientierter Standard 1) international ausgerichtet sein muss 2) portabel, also auch auf mobilen Geräten laufen muss 3) plattformunabhängig und damit Betriebssystem-unabhängig sowie 4) skalierbar und erweiterbar sein muss, damit wir die Möglichkeit nutzen können, Bilder, Videos, Sprach-Memos etc. in den GAEB-Datenaustausch zu integrieren. Heute werden in Deutschland sicherlich 85 % aller Bauprojekte nach dem GAEB-Standard abgewickelt.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Auch für die Entwicklung von Projektkommunikationssystemen auf Basis von Building Information Modeling erhielten Sie die Konrad-Zuse-Medaille. Welche Vision haben Sie hier verfolgt und umgesetzt?

Prof. Joaquin Diaz: In den 1990er Jahren wurden in Deutschland von einigen Personen und Unternehmen sowohl Projektkommunikations-Systeme (PKS) als auch objektorientierte CAD-Systeme entwickelt. Die Nachfrage in der Baupraxis war allerdings nicht sehr groß, da man die Vorteile einer durchgängigen, digitalen Projektbearbeitung nicht erkannte und sich auch vor den Investitionen in die neuen Technologien scheute. Gerade zu dieser Zeit postulierte ich die besonders vorteilhafte Projektierung durch eine konsistente, digitale Planung und Ausführung auf der Basis der Integration von objektorientierten BIM-Systemen und PKS. BIM war international bereits bekannt, spielte aber in Deutschland damals keine Rolle.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Wo steht die Baubranche bei der durchgängigen Digitalisierung Ihrer Meinung nach jetzt – Anfang 2017?

Prof. Joaquin Diaz: Wenn ich ganz ehrlich bin, noch am Anfang. Wenn wir die gesamte Baubranche anschauen, dann ist dies sicherlich auch richtig. Man muss aber auch erwähnen, dass sich einige Bauunternehmen und Ingenieurbüros des Themas vor über einem Jahrzehnt angenommen haben und auch in Deutschland große Erfolge mit ihrer digitalen Strategie verbuchen können. Eine sehr lobende Rolle spielen hier beispielsweise die Bauunternehmen Max Bögl, Züblin oder Wolff & Müller und auf der Seite der Ingenieurbüros die Unternehmen Obermeyer und Schüssler Plan. Die Baubranche hat in den Bereichen Digitalisierungsgrad und Produktivität gegenüber allen anderen Branchen in Deutschland sehr viel aufzuholen.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Die Bundesregierung leistet mit ihrer 5D-Strategie nun einen kräftigen Vorschub für die durchgängige Digitalisierung in der Baubranche. Was genau bedeutet das für Bauprojekte des Bundes?

Prof. Joaquin Diaz: Heute prüft das BMUB die Einführung von BIM im Hochbau und hat dazu einen Erlass verabschiedet. Im Mai 2017 führen das BMUB und das BMWi gemeinsam ihre erste BIM-Veranstaltung durch. Mittlerweile ist die Wichtigkeit der Digitalisierung der Baubrache auch in der Politik angekommen. Es kann durchaus als „normal“ betrachtet werden, wenn sehr viele Jahre ins Land gehen bis neue Technologien in der Breite genutzt werden. Wir hätten sicherlich sehr prominente Bauprojekte (Elbphilharmonie, Berliner Flughafen etc.) in Deutschland mit einem deutlich positiveren Image entwickeln können. Die Integration von BIM und PKS hätte auf jeden Fall eine konsistente Informations- und Wissensverarbeitung ermöglicht. Genau daran hat es bei den politischen und technischen Management-Entscheidungen gefehlt. Das BMVI hat 2015 für sein Ressort bereits beschlossen, dass BIM-5D ab 2020 zur Pflicht wird. Große Schritte in die BIM-5D Richtung macht insbesondere die Deutsche Bahn, die neben der digitalen Planung und Ausführung auch großes Interesse an der digitalen Bewirtschaftung hat.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Damit hat die Bundesregierung den Paradigmenwechsel in der durchgängigen Digitalisierung eingeläutet. Warum ist der Wandel für die Baubranche Ihrer Ansicht nach so wichtig?

Prof. Joaquin Diaz: Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt vor allem von den Innovationen der Mitarbeiter in den High-Tech-Unternehmen ab. Knapp 90 % des deutschen Wohlstandes hängen direkt oder indirekt von Ingenieurleistungen ab. Egal welche Branche man betrachtet, alle benötigen Verwaltungs- und/oder Produktionsgebäude sowie Mobilität  und den Transport von Gütern. Die Qualität der gebauten Infrastruktur und der Gebäude ist damit ein wesentlicher Faktor für die nachhaltige Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Darüber hinaus ist die Baubranche mit ca. 10 % die größte Einzelbranche der deutschen Wirtschaft und ist damit ein Job-Motor. Zurzeit haben wir im Bauwesen extrem viel zu tun. Es ist aber jetzt bereits abzusehen, dass wir den Baubedarf nicht stemmen können. Daher müssen wir durch die Digitalisierung einfach effizienter und besser werden. Auch hier gilt der berühmte Spruch von Robert Bosch „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein!“ 

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Nun haben Sie eine Herkulesaufgabe vor sich: Wie kann gewährleistet werden, dass die Mitarbeiter in den Unternehmen, Betrieben und der Verwaltung – und auch Ihre Studierenden an der Technischen Hochschule Mittelhessen – so aus- und weitergebildet werden, dass die 5D-Integration in der Baubranche gelingt?

Prof. Joaquin Diaz: Das ist tatsächlich die größte Herausforderung. Die Unternehmen im Bauwesen haben über viele Jahre eher gegeneinander statt miteinander gearbeitet. Für die Bauindustrie war ein Tag ohne Nachtrag ein verlorener Tag. Das heißt, dass Transparenz und Kooperation gar nicht gefragt waren. Mit der Digitalisierung ändert sich die Art zu arbeiten fundamental. Dieser Wandel der Arbeit, der gern als Change-Management bezeichnet wird, muss in alle Köpfe. Es ist nichts stetiger als der Wandel; und dieser muss gemanagt werden. Sobald ein Glied in der Wertschöpfungskette hakt, gibt es Probleme im Gesamtsystem. Diese Zusammenhänge und die integrale Betrachtung der digitalen 3D-Bauwerksmodelle, der Bauzeitenplanung sowie der Kostenplanung, der sogenannte 5D-Ansatz, müssen über Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, Konferenzen etc. multipliziert werden. Darüber hinaus sind alle Hochschulen und andere Bildungsträger in der Pflicht, ihre Curricula weiterzuentwickeln. Statt einzelne, voneinander unabhängige Lehrveranstaltungen abzuhalten, ist nun das projektorientierte Studium nach dem Prinzip Problem-based-learning gefragt.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Wie wird sich die Baubranche in den nächsten 10 Jahren Ihrer Meinung nach verändern?

Prof. Joaquin Diaz: In Zukunft wird es immer mehr Sensoren in Bauteilen geben, diese werden miteinander kommunizieren, Informationen austauschen und proaktiv Entscheidungen treffen. Die automatisierte Vorfertigung und der Einsatz von Robotern wird in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Wir werden Bauteile dreidimensional drucken und die Logistik optimieren. Diese ganzen Veränderungen müssen in einer durchgängigen digitalen Planung, Ausführung bis hin zum Betrieb berücksichtigt werden. Wir werden für den gesamten Lebenszyklus der Bauwerke alle notwendigen Informationen wissensbasiert in Cloud-Lösungen speichern. Daher müssen wir die Arbeitsprozesse von Morgen gestalten und mit den neuen, digitalen Technologien intelligent verknüpfen.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Durch die durchgängige Digitalisierung der Baubranche wird sich die Arbeit verändern. Was gilt es hierbei zu berücksichtigen? 

Prof. Joaquin Diaz: Wir wissen von jeher, dass sich Arbeitsmethoden fortwährend verändern. Die Digitalisierung wird einen großen Einfluss auf die stetige Veränderung der Arbeit im Bauwesen haben. Es werden Arbeitsplätze wegfallen und wir werden viele neue Experten für die neuen Herausforderungen brauchen. Es gibt weltweit vielfältige Untersuchungen, die diese Entwicklungen belegen. Das wichtigste bei dieser Veränderung ist, die Menschen in der Branche mitzunehmen.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Warum muss die Baubranche für den Nachwuchs attraktiver werden und wie kann das gelingen?

Prof. Joaquin Diaz: Aus meiner Sicht ist ein wesentlicher Punkt, dass „die Baubranche mit allen anderen deutschen Branchen im Wettbewerb um den Nachwuchs steht.“ Es ist bereits jetzt schon äußerst schwierig, qualifizierte Fachkräfte und Ingenieure in der Branche zu halten. Daher muss die Attraktivität der gesamten Baubranche gesteigert werden. Die Attraktivität kann nur mit besseren Randbedingungen erhöht werden. Z.B. mit der Erhöhung der Digitalisierung, der Automatisierung und Virtualisierung.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Sie haben sich selbst  ja schon in den 80er Jahren als junger Bauingenieur mit der Digitalisierung im Bauwesen an der Technischen Universität Darmstadt befasst. Ernten Sie jetzt die Früchte Ihrer jahrzehntelangen Arbeit?

Prof. Joaquin Diaz: Ja, das kann man so sehen. Ich habe in den 80er Jahren allerdings nicht daran gedacht, dass ich irgendwann die Konrad-Zuse-Medaille erhalten würde. Mein Ziel war damals und ist es auch heute noch, die Welt des Bauens und die der Informatik miteinander zu verknüpfen. Meine Neugier und der Drang nach neuen Technologien waren die treibenden Kräfte für das was ich heute mache. Mein Enthusiasmus, meine Neugier und der innere Drang sind aber heute immer noch ungebremst. Ich hoffe mit meiner Arbeit das Feuer in meinen Studierenden zu entfachen und dies kann man nur, wenn man selbst für eine Sache brennt.

Vielen Dank für das Interview!


 

Kurzprofil des Digitalisierungsexperten Prof. Dr.-Ing. Joaquin Diaz 

2016: Mitgründer des 5D-Instituts an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Das Institut beschäftigt sich mit der Implementierung der 5D-Technologie in der deutschen Baubranche.

2008-2014: Mitglied der Akkreditierungskommission; Obmann für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengänge im Vermessungs- und Bauwesen. Akkreditierungsagentur von Studiengängen der Ingenieurwissenschaften, der Informatik und der Naturwissenschaften.

Seit 2006: Aufsichtsrat der Ingenieurakademie Hessen GmbHSeit 1999: Professor für Bauinformatik und nachhaltiges Bauen sowie Leiter des Fachgebiets Bauinformatik an der Technischen Hochschule Mittelhessen

Seit 2006: Kooperation im Masterstudiengang (Master in European Construction Engineering) mit der University Cantabria (Spain), Politechnical University Valencia (Spain), University Porto (Portugal), University Bari (Italy), University Caen (France) und VIA University (Danmark)

1997-2006: Lehrbeauftragter für Bauinformatik an der Technischen Universität Darmstadt

Seit 2002: Leiter des Zentrums "Integrales Bauen", Fa. TransMIT GmbH; Technologietransferzentrum der Universität Giessen, Technische Hochschule Mittelhessen und der Universität Marburg

Seit 2001: Vorstand der Ingenieurkammer des Landes Hessen

Seit 2001: Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Bausoftware e.V. Berlin

Seit 1999: Unterstützung mehrerer Bundesministerien im Bereich “Bauforschung und -technik” - Informationstechnologie im Bauwesen

Seit 1997: Beratender Ingenieur für Bauwesen und Angewandte Informatik (Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Bauwesen)

1997: Promotion zum Thema "Objektorientierte Modellierung geotechnischer Systeme" am Fachbereich Bauingenieurwesen der Technischen Universität Darmstadt 

1985–1991: Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule Darmstadt 

LITERATUR-TIPP!

Ein-/Ausblenden

Energieeinsparverordnung Schritt für Schritt

Wohngebäude, Nichtwohngebäude - Erläuterungen, Beispiele, Excel-Berechnungsblätter

Das kompetente Handwerkzeug für den Energieausweis!

Preis: € 49,00

Zum Produkt