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Interview mit Stahl- und Kranbau-Experte Prof. Dr.-Ing. Christoph Seeßelberg

Professor Dr.-Ing. Christoph Seeßelberg ist Experte für Stahlbau und Kranbau. Als Professor für Baustatik und Stahlbau war er zunächst 17 Jahre lang an der Hochschule München tätig. Im Jahr 2012 wurde er als Präsident an die Spitze der Fachhochschule Köln berufen.

Für den Bundesanzeiger Verlag betreut er die Kapitel zu den Themen „Stahlbau“ und „Kranbahnen“ in den Schneider Bautabellen (Kapitel 8 A und 8 B). Seit 13 Jahren bringt er sein Expertenwissen dort ein. Thematisch immer auf dem neuesten Entwicklungsstand zu sein, ist ihm ein wichtiges Anliegen. In den letzten beiden Ausgaben der Schneider Bautabellen stand die Umstellung auf die Eurocodes im Vordergrund. Nun geben die Tabellen die Eurocode-Standards wider. Das war viel Arbeit, berichtet er im Interview, der er sich aber sehr gerne gestellt hat. 

Redaktion Bautechnik: Herr Prof. Seeßelberg, seit 2001 wirken Sie als Autor bei den Schneider Bautabellen mit. Wie organisieren Sie Ihre Tätigkeit als Autor?

Prof. Christoph Seeßelberg: Da meine spannende Tätigkeit an der Fachhochschule Köln sehr viel Zeit beansprucht, bin ich vorwiegend an Wochenenden als Autor für die Bautabellen tätig. Die Autorentätigkeit ist ein wunderbarer Ausgleich für die herausfordernden Aufgaben in der Hochschulleitung.

Redaktion Bautechnik: Die Umstellung auf die Eurocodes spielte bei den letzten beiden Auflagen der Schneider Bautabellen eine große Rolle. Welche Entwicklungen zeichnen sich im Stahlbau und Kranbau Ihrer Meinung nach in naher Zukunft ab?

Prof. Christoph Seeßelberg: Die Eurocodes werden uns auch bei den nächsten Ausgaben der Bautabellen beschäftigen: denn nachdem die ersten Erfahrungen mit den neuen Normen vorliegen, wird es neue Normenausgaben geben müssen, in denen bekannt gewordene Fehler ausgemerzt werden. Auch nicht praxistaugliche Regeln in den Eurocodes müssen vor allem verbessert werden. Hier erinnere ich z.B. an die „Initiative praxisgerechte Regelwerke im Bauwesen e.V.“

Redaktion Bautechnik: Als Präsident der Fachhochschule Köln haben Sie nun eine Position im Management und nicht mehr in der Lehre. Was reizt Sie besonders an dieser Aufgabe?

Prof. Christoph Seeßelberg: Die Möglichkeit, gemeinsam mit den Mitgliedern des Präsidiums und der Hochschule in die Zukunft aufbrechen zu können, ist äußerst reizvoll. Das bedeutet für die Fachhochschule Köln, den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Differenzierung der Hochschulen aus dem Jahr 2010 zu folgen und sich zu einer Hochschule neuen Typs jenseits der herkömmlichen Typen Universität und Fachhochschule weiterzuentwickeln, einer Hochschule also, die bisherige Stärken – z.B. ihren Praxisbezug – mit universitären Profilelementen – z.B. Personalstrukturen in forschungsaktiven Bereichen – kombinieren möchte. Da das neue Nordrhein-Westfälische Hochschulgesetz noch am binären Typenzwang festhält, liegt da noch eine Wegstrecke vor uns.

Redaktion Bautechnik: Mit 23.000 Studierenden ist die Fachhochschule Köln die größte Hochschule in Deutschland. Was zeichnet die FH Köln denn besonders aus?

Prof. Christoph Seeßelberg: Größe an sich ist noch kein Wert. Sie wird erst zu einem Wert, wenn man die Möglichkeiten nutzt, die die Vielfalt an Disziplinen mit sich bringt. Die Fachhochschule Köln tut genau das: In der Forschung haben wir fakultätsübergreifende Forschungsinstitute gegründet, z. B. im Bereich regenerativer Energien. Neues entsteht heute vorwiegend aus interdisziplinären und transdisziplinären Ansätzen: Die Überwindung der Grenzen zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, zwischen Forschung und Lehre, zwischen Wissenschaft und Praxis ist deshalb ein wichtiges Element unseres Selbstverständnisses.

Drei Entwicklungsziele strebt die Fachhochschule Köln an:  

  • Exzellenz in der Lehre. Die verschiedenen Lehrpreise der Hochschule zeigen, dass wir schon ein gutes Stück auf dem Weg zu diversitätsgerechten und kompetenzorientierten Lehrformen zurückgelegt haben.
  • Problemlösungs- und Gestaltungsorientierung. Wir möchten in Lehre und Forschung Problemstellungen vorausschauend identifizieren, um sie dann in Lösungen und Gestaltungen zu überführen.
  • Internationalität und Internationalisierung. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Bildungsziel. Als übergeordnete Dimension für das Denken und Handeln der Hochschulangehörigen sehen wir das Streben nach sozialer Innovation an. 

 

Redaktion Bautechnik: Sie haben den Leitgedanken der „Sozialen Innovation“ genannt. Was genau meinen Sie damit?

Prof. Christoph Seeßelberg: Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, demografische Entwicklung, Ernährungssicherheit und Ressourcenverknappung fordern heute ein Denken und Wirken über wissenschaftliche Fachdisziplinen und institutionelle Grenzen hinweg.

Damit die zur Lösung der globalen Probleme notwendigen innovativen Ideen auch auf regionaler Ebene in marktfähige Produkte oder Dienstleistungen münden können, müssen heute mit der ingenieurmäßigen Technik auch die durch sie hervorgerufenen Veränderungen des sozialen Zusammenwirkens von Menschen mitgedacht werden.

Neue Technologien können nur dann nachhaltig, wirksam und sinnvoll genutzt werden, wenn sie in gesellschaftliche Veränderungen eingebunden sind und somit im Sinne einer sozialen Innovation gedacht und umgesetzt werden.

Der Begriff der sozialen Innovation inkludiert als Oberbegriff die technischen Innovationen.

Redaktion Bautechnik: Die Fachhochschule Köln bietet im Bereich Bauingenieurwesen einen dualen Bachelorstudiengang an. Wie gestaltet sich solch ein duales Studium?

Prof. Christoph Seeßelberg: Dual Studierende erwerben in 9 Semestern gleichzeitig den Bachelor-Abschluss im Studiengang Bauingenieurwesen und zusätzlich einen IHK-Abschluss als gehobener Baufacharbeiter oder Bauzeichner. Im ersten Studienjahr werden unsere dual Studierenden drei Tage pro Woche im Berufsbildungszentrum der Bauindustrie in Kerpen in einem Bauhauptberuf ausgebildet, zwei Tage pro Woche besuchen Sie Veranstaltungen an der Fachhochschule Köln. Im zweiten Studienjahr ist es genau umgekehrt: 3 Tage an der FH, zwei Tage im Ausbildungszentrum. Während der vorlesungsfreien Zeiten sind die Studierenden in ihrem Ausbildungsbetrieb tätig. Ab dem dritten Studienjahr lernen unsere „Dualen“ fünf Tage in der Woche an der FH. Die von der IHK verantwortete Abschlussprüfung der gewerblichen Ausbildung findet am Ende des 3. Lehrjahres statt. Das Curriculum und das akademische Niveau des dualen Studiengangs sind exakt so wie beim normalen Studiengang Bauingenieurwesen. Die dual Studierenden absolvieren genau die gleichen Prüfungen wie die anderen (nicht-dual) Studierenden. 

Redaktion Bautechnik: Würden Sie den dualen Studiengang gern ausbauen?

Prof. Christoph Seeßelberg: Tatsächlich könnten wir etwas mehr dual Studierende aufnehmen, als derzeit immatrikuliert sind, wenn die Bauunternehmen mehr Ausbildungsplätze für dual Studierende bereitstellen würde.

Redaktion Bautechnik: Was raten Sie Studenten und Studentinnen, die mit Ihrem Studium in Köln an der Fachhochschule beginnen?

Prof. Christoph Seeßelberg: Zunächst einmal beglückwünsche ich unsere hochschulweit über 5300 Studienbeginner im Wintersemester 2014/2015, dass sie sich für eine hervorragende Hochschule entschieden haben. Wir verstehen uns als Universitas, als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die der Lehre und der Forschung verpflichtet sind. Besonders sichtbar wird das in unseren projektorientierten Lehrformaten wie problembasiertes und forschendes Lernen. Da empfehle ich den Studierenden, gleich vom Start an eine sehr aktive und keine passive, nur konsumierende Haltung einzunehmen, um von den neuen Lehrformaten bestmöglich profitieren zu können. Für viele Studierende im ersten Hochschulsemester ist der Kulturwechsel von der Schule zur Hochschule zu bewältigen: Jeder übernimmt selbst die Verantwortung für den eigenen Studienerfolg. Wichtig dafür ist es, gleich zu Beginn Kontakt zu Mitstudierenden und den Lehrenden aufzunehmen. In der Gruppe lernt es sich leichter, Einzelkämpfer haben es ungleich schwerer.

Um für eine globalisierte Arbeitswelt gut aufgestellt zu sein, empfehle ich unseren Studienbeginnern auch, sich frühzeitig für ein Praktikum oder ein Studiensemester im Ausland zu interessieren.

Manch ein Studierender muss sich sein Studium durch Erwerbsarbeit (mit-)finanzieren. Zu viel Erwerbsarbeit reduziert die Zeit, die eigentlich für das Studium nötig wäre. Besonders dieser Gruppe von Studierenden sei geraten, sich nach den vielfältigen Stipendienmöglichkeiten zu erkundigen. Bei Begabtenförderungswerken und auch beim Deutschlandstipendium sind mehr Bewerbungen sehr erwünscht.

Für ein erfolgreiches Studium sind aber auch ausreichend Entspannungsphasen und Freizeit unverzichtbar. In einer so lebens- und liebenswerten Stadt wie Köln fällt es nicht schwer, attraktive Freizeitmöglichkeiten zu finden. „Nicht nur lernen, sondern auch leben!“, möchte ich daher allen Studierenden zurufen.

Redaktion Bautechnik: Vielen Dank, Herr Prof. Seeßelberg, für das Interview.


 

Kurzprofil des Buchautors Prof. Dr.-Ing. Christoph Seeßelberg

1978-1981: Studium des konstruktiven Ingenieurbaus an der Universität der Bundeswehr in München 1989: Promotion am Lehrstuhl für Stahlbau der RWTH Aachen

1989-1995: Teamleiter bei der Dornier GmbH (heute EADS) für die Strukturberechnung von Antennentragwerken, Windenergieanlagen und mobilen Brückensystemen samt deren Verlegekranen

1995-2012: Professur für Baustatik und Stahlbau an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München

2007-2009: Dekan der Fakultät Bauingenieurwesen der Hochschule München

2009-2012: Vizepräsident der Hochschule München

Seit 2006: Mitglied im DIN - Normenausschuss 005-08-01 "Kranbahnen"

Seit 2012: Präsident der Fachhochschule Köln

Seit 2013: Berufung in den Vorstand der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen in NRW e.V.

Arbeitsgebiete:  

  • Aluminiumkonstruktionen nach Eurocode 9 (EN 1999-1 und EN 1999-3), Tragsicherheitsnachweise, Ermüdungssicherheit
  • Kranbahnen, Krananlagen, Tragwerke der Fördertechnik
  • Statische und dynamische Berechnungen von Stahl- und Leichtmetallkonstruktionen

 

 

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