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Bau Immobilien

Interview mit Lehmbau-Experte Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert

Der Lehmbau-Experte Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert hat sich im Bereich Lehmbau einen Namen gemacht und ist national wie international im Einsatz. Im Nahen Osten betreut er bemerkenswerte Projekte: Er entwickelt Konzepte zur Konservierung des mesopotamischen Tempels in Uruk im Irak – bekannt als die erste Metropole der Menschheit. In Abu Dhabi beschäftigt er sich hingegen mit der behutsamen Erhaltung eines Palastes im Herzen der Altstadt, der sich dem wachsendem Verkehr und möglichen Erdbeben stellen muss. 

Redaktion Betrifft Bautechnik: Herr Professor Ziegert, Sie haben von der Pieke auf das Baugewerbe erlernt. Welche Stationen haben Sie beruflich bis heute durchlaufen?

Prof. Christof Ziegert: Dass ich in der ehemaligen DDR zuerst den Beruf des Maurers erlernt habe, war damals nicht ganz freiwillig. Zurückblickend ist es ein Glück, denn es gibt mir bis heute bei jeder Planung und Bemessung ein sichereres Gefühl, ob das stimmen kann, was das Programm ausgibt. Für mich kam die politische Wende dann genau zur richtigen Zeit und ich konnte mit dem Abitur auf der Abendschule den akademischen Weg einschlagen. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens an der damaligen TH Leipzig war dann eine wesentliche Station die des Wissenschaftlichen Mitarbeiters von Prof. Dr.-Ing. Klaus Dierks am Lehrstuhl Tragwerksplanung und Baukonstruktion der TU Berlin. Nach der Promotion habe ich von dort aus mit meinem Ingenieurpartner Uwe Seiler und dem Architekten Eike Roswag den Weg in die Selbständigkeit gewählt. Wir hatten Anfang 2018 nun das 15-jährige Firmenjubiläum und stehen derzeit bei 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Projekten in aller Welt.

Redaktion Betrifft Bautechnik: Sie haben schon früh den Lehmbau für sich entdeckt und haben auch darüber promoviert. Heute sind Sie als Experte national wie international gefragt und das Fachgebiet Lehmbau gehört zu den Kernkompetenzen Ihres Planungsbüros „ZRS Architekten Ingenieure“. Spielen bei Ihnen auch klassische Ingenieurthemen eine Rolle oder sind Sie hauptsächlich im Bereich Lehmbau tätig?

Prof. Christof Ziegert: Wir könnten den Lehm- und Holzbau nicht ordentlich bearbeiten, wenn unser Team und wir als Chefs nicht das klassische Ingenieurspektrum gut beherrschen und mit ebensolchem Herzblut bearbeiten würden. Gerade mein Ingenieurpartner Uwe Seiler steht für Ingenieurskunst, wie die Verschiebung von Brücken und vieles mehr. In meinen Bereich fallen überwiegend die Themen Lehm und die internationale Denkmalpflege. Für unser Büro macht dieser Bereich etwa die Hälfte des Umsatzes aus.

Redaktion Betrifft Bautechnik: Als Lehmbauexperte sind Sie häufig im Nahen Osten unterwegs. Herrscht dort ein großes Bewusstsein für die Erhaltung historischer Bauwerke? 

Prof. Christof Ziegert: Zumindest mehr als wir gemeinhin denken. Die Erhaltung des baulichen Erbes ist in diesen Regionen Aufgabe des Staates und wird durch die jeweiligen Kultur- und Tourismusministerien umgesetzt. Länder wie die vereinigten Arabischen Emirate haben längst begriffen, dass man mit gläsernen Hochhäusern weder kulturelle Identität für die eigenen Einwohner stiften kann noch für Touristen ein nachhaltiges Magnet darstellt.

Redaktion Betrifft Bautechnik: Eines Ihrer Projekte im Bereich der Denkmalpflege ist die Konservierung alter Strukturen im Weißen Tempel in Uruk (heute Warka) im Irak. Wo genau liegen die fachlichen Herausforderungen an Sie in diesem Projekt?

Prof. Christof Ziegert: Für uns ist es eine große Ehre, dass wir seit 3 Jahren im Auftrag von und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Uruk tätig sein dürfen. Uruk gilt ja als die erste Metropole der Menschheit und Wiege unserer Zivilisation und die Bautechniken und deren Details, die dort zutage treten, sind wirklich unglaublich, geradezu modern. Unsere damaligen Kollegen haben schon vor 5000 Jahren mit Bitumen Horizontal- und Terrassenabdichtungen ausgeführt und wunderbare Tempel und sonstige Gebäudestrukturen aus Lehmsteinen und Stampflehm errichtet. Für den letzten in Teilen erhaltenen mesopotamischen Tempel, den sogenannten Weißen Tempel, entwickeln wir gerade die Konservierungskonzepte. Die größte Herausforderung liegt in den extrem hohen Salzgehalten der umgebenden Böden und der Winderosion. Mit der sich verbessernden Sicherheitslage sind es aber vor allem die einsetzenden Touristenströme, die vor Ort auf noch nicht ausreichend abgesperrte Bereiche treffen und verwitterte Gebäudereste als gute Aussichtsplattform ansehen. Deshalb gibt es ein Gesamtkonzept, welches nun aus Wegeführung und Konservierung der Gebäudereste besteht. Wenn es die Sicherheitslage zulässt, beginnt die Umsetzung im Spätherbst dieses Jahres.

Redaktion Betrifft Bautechnik: Wie kommt es, dass Sie als Experte aus Deutschland im Nahen Osten so gefragt sind? Fehlen dort vor Ort die einheimischen Experten? Wie läuft dort die Zusammenarbeit?

Prof. Christof Ziegert: Aus- und Weiterbildung für die traditionellen Bautechniken dieser Region ist erst in den letzten 5-10 Jahren zum Thema geworden. Die dortigen Planer können deshalb nur noch mit Stahl, Glas und Beton entwerfen und bemessen und deshalb werden wir gefragt, hier tätig zu werden. Das ändert sich jetzt langsam und entsprechende Kurse werden international, z.B. vom DAI, oder national, z.B. in Abu Dhabi von der dortigen Kulturbehörde DCT, angeboten und ich darf dort referieren. Ziel ist es, dass an allen diesen Stätten, an denen wir heute unsere Expertise einbringen dürfen, möglichst bald lokale Kräfte zur Verfügung stehen, die diese Aufgaben weitgehend übernehmen können. Die Zusammenarbeit ist für mich eine große Bereicherung und ich habe größten Respekt vor den lokalen Kollegen, die unter schwierigsten Umständen hervorragende Arbeit leisten.  

Redaktion Betrifft Bautechnik: Sie betreuen auch ein Projekt in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort geht es um die Erhaltung eines Palastes aus einem Korallenstein-Gips-Lehmmauerwerk im Herzen der Altstadt. Vor welchen Aufgaben stehen Sie dort?  

Prof. Christof Ziegert: Während es in Uruk um die Konservierung und Notsicherung geht, kommt in Abu Dhabi zur behutsamen Sanierung die Umnutzung und Ertüchtigung. Der Gebäudekomplex wird für die höheren Verkehrslasten einer öffentlichen Nutzung hergerichtet und für Erdbebenbeanspruchung ertüchtigt. Dabei gilt es, Konservierungsgrundsätze und ein angemessenen Sicherheitsniveau in Einklang zu bringen. Wir setzen dies z.B. mit Basaltfasergeweben im Putz oder Glasfaserstabbewehrung in Ringbalken um.

Redaktion Betrifft Bautechnik: Sie sind Obmann des Normenausschusses Lehmbau. Im Herbst soll die zweite Generation der DIN Normen zum Lehmbau veröffentlicht werden. Können Sie hierzu schon einen Ausblick geben? 

Prof. Christof Ziegert: Die Akzeptanz des modernen Lehmbaus ist mit der 2013 veröffentlichten ersten Normengeneration zu Lehmbaustoffen (Lehmsteinen, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel) enorm gestiegen. Diese Reihe wird nun mit einer weiteren Produktnorm zu Lehmplatten erweitert und die bestehenden Normen aktualisiert. Während andere Bereiche des Bauwesens überreguliert sind, ist der nun erreichte Stand der Normung im Lehmbau noch lange nicht ausreichend. Da wartet noch viel Arbeit auf uns …

Redaktion Betrifft Bautechnik: Herr Professor Ziegert, was treibt Sie in Ihrer Arbeit an? Wofür begeistern Sie sich?

Prof. Christof Ziegert: Als ich 1996 meine Diplomarbeit zum Brandverhalten von Lehmbaustoffen fertig hatte, beglückwünschte mich mein geschätzter Baustoff-Professor, jedoch nicht ohne mir den Hinweis zu geben, dass ich ja mal eine Familie ernähren wolle und mich deshalb auf Beton ausrichten soll. Das war eigentlich die beste Motivation für mich, zu zeigen, dass man mit Haltung, Einsatz und Zähigkeit auch diese scheinbaren ökologischen Randthemen voranbringen und zu einem verantwortungsbewussten Business gestalten kann. Dass uns dies recht gut gelingt, motiviert mich über alle Mühen des täglichen Baualltags hinweg.

Vielen Dank für das Interview!


 

Kurzprofil des Experten für Lehmbau Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert

Seit 2012: Honorarprofessor für Lehmbau an der FH Potsdam

Seit 2011Obmann Normausschuss Lehmbau am DIN

Seit 2007: Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden im Lehmbau

2003: Gründung des Planungsbüros ZRS Ziegert | Roswag | Seiler Architekten Ingenieure, seitdem Geschäftsführer

2003: Promotion zum Doktor der Ingenieurwissenschaften

1998-2002: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Architektur der TU Berlin bei Prof. Klaus Dierks, Tragwerkslehre und Baukonstruktion

1991-1996: Studium Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Leipzig

1986-1991: Berufsausbildung zum Maurer und Gesellentätigkeit

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