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Interview mit Stahlbau-Experte Prof. Dr.-Ing. Bertram Kühn

Prof. Dr.-Ing. Bertram Kühn ist ein Mann der Praxis. Theoretischen Stoff erläutert er seinen Studenten an der Technischen Hochschule Mittelhessen gezielt an Praxisbeispielen. Rein theoretisches Wissen hält er gerade im Baubereich für völlig wertlos. Dieses Credo bringt er auch in die Zeitschrift „Konstruktiver Ingenieurbau“ ein, die er redaktionell für den Bereich Stahlbau betreut. Die Zeitschrift solle seinen Ingenieurkollegen möglichst kompakt Hilfestellung für den täglichen Kampf um sichere, möglichst einfache, kostengünstige und termingerechte Lösungen von Ingenieuraufgaben geben. 

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Seit kurzem sind Sie verantwortlicher Fachredakteur zum Thema Stahlbau der Zeitschrift „Konstruktiver Ingenieurbau“, die seit September 2016 alle zwei Monate beim Bundesanzeiger Verlag erscheint. Auf welche Themen aus Ihrem Ressort dürfen sich die Leser der Zeitschrift in den kommenden Ausgaben freuen?

Prof. Bertram Kühn: Die Themen sind so vielfältig, spannend und interessant wie die Stahlbaupraxis selbst auch. Wir werden etwas aus dem Bereich von Schweißverbindungen im Brückenbau dabei haben, aber auch stahlbauspezifische Anforderungen an den Brandschutz, einen Werkbericht zum Stadiondach von St. Pauli, etwas zum richtigen Umgang mit Altstählen und baupraktische Hinweise zur Anwendung von DIN EN 1090-2. Ich persönlich bin auch gespannt auf einen Artikel, der sich mit Untersuchungen und der Instandsetzung einer sehr, sehr alten Gussstütze befassen wird.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Was bietet die Zeitschrift Ihrer Meinung nach besonderes für die Leser? 

Prof. Bertram Kühn: Unmittelbare Hilfestellung für den täglichen Kampf um sichere, möglichst einfache, kostengünstige und termingerechte Lösungen von Ingenieuraufgaben. Das alles in sehr kompakter Form, damit schnelles Lesen und Begreifen möglich ist. Unser Ziel ist es, dass auch gestandene Ingenieure am Ende der Lektüre mindestens 3 bis 4 Seiten aus der Zeitschrift kopieren, auf den Schreibtisch legen und wissen, dass Ihnen diese Seiten schon beim nächsten Kampf um Lösungen hilfreich sein und damit Zeit sowie Geld sparen werden.

Redaktion Konstruktiver Ingenieurbau: Vor drei Jahren wurden Sie als Professor an die Technische Hochschule Mittelhessen im Bereich Stahl-, Verbund- und Ingenieurbau berufen. In welchen Momenten wissen Sie, dass Sie genau der richtige Mann am richtigen Ort sind? 

Prof. Bertram Kühn: Es gibt da einen ganz besonderen Moment beim Erlernen von neuen Stoffen und Zusammenhängen. Der Volksmund sagt dazu: „Wenn der Groschen fällt“. Dieser Moment ist für mich manchmal nahezu physikalisch spürbar, zum Beispiel an einer Geste, an einem Gesichtsausdruck, an der Körperhaltung, etc. Dann weiß ich, dass ich einem jungen Kollegen etwas dauerhaft in den Kopf gepflanzt habe, was er mindestens sein Berufsleben lang brauchen und auch nicht wieder vergessen wird. Ein tolles Gefühl, worauf es sich lohnt Tag für Tag hinzuarbeiten.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Wie unterstützen Sie Ihre Studenten dabei, dass sich bei ihnen „der Nebel lichtet“?

Prof. Bertram Kühn: Praxisbeispiele, Praxisbeispiele und nochmal Praxisbeispiele. Ich bin der Auffassung, dass gerade im Baubereich jedes noch so tiefe theoretische Wissen völlig wertlos ist, wenn man nicht genau weiß, wo und wie genau man dieses in der Praxis auch anzuwenden hat. Zudem habe ich festgestellt, dass Bilder – und damit meine ich Fotos von Baustellen, ausgeführten Stahlbaudetails etc. – echte Neuronenbeschleuniger sind.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Haben Sie selbst, als Sie zu dem Thema „Brücken“ kamen, auch einen solchen Moment erlebt?

Prof. Bertram Kühn: Nein, leider nicht. Im Studium hat dieses Thema um mich oder ich um dieses Thema, so genau kann ich das rückblickend gar nicht mehr sagen, einen großen Bogen gemacht. Es gab zwar Lehrveranstaltungen, die ich schon zu Studienzeiten hörte – auch gute, aber das war es auch schon im Studium. Kurzum, mehr als dass es Brücken gibt, was eine eigenständige Vorlesung verlangt, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Da kamen Sie im Jahr 2000 zu der Europäischen Expertengruppe zur Beurteilung bestehender Stahlbrücken im ECCS wie die Jungfrau zum Kinde. Wie hat sich diese Entwicklung für Sie angefühlt? Ahnten Sie in jenem Moment schon, dass Brücken eine große Rolle in Ihrem beruflichen Werdegang spielen würden?

Prof. Bertram Kühn: Die Antwort ist ein glasklares Jaein. Sie kennen bestimmt dieses Gefühl, dass einem schon beim allerersten Kontakt sagt, dass da etwas ganz besonderes verborgen ist, was einen anspricht, fast magisch anzieht. Man kann es in dem Moment aber noch gar nicht so genau fassen und begreifen, was genau dieses Etwas ist. In meinem Fall war es die gänzlich ungeplante und von mir in der Tragweite nicht im Ansatz einschätzbare Möglichkeit, den Vorsitz der ECCS Arbeitsgruppe zu übernehmen, die sich mit der Beurteilung bestehender Stahlbrücken befasst. Ganz genau genommen dachte ich an diesem Tag in Brüssel, den Vorsitz dieser Gruppe nach Aachen an den Lehrstuhl von meinem Doktorvater, Prof. Sedlacek, zu holen. Wir waren zu der Zeit über 20 Assistenten und viele davon schon sehr erfahren auch im Brückenbau. Da musste doch schließlich einer dabei sein, der geeignet ist, den Job auszufüllen. So war zumindest mein Gedanke als ich die Bereitschaft in der Sitzung erklärte, mich um den Vorsitz zu kümmern. Als ich dies dann in der nächsten Pause Prof. Sedlacek erzählt habe, der in einer Parallelsitzung gewesen war, hat der mich Grünschnabel (ich war erst ein halbes Jahr Assistent) nur kurz verwundert angeschaut und mir dann viel Erfolg bei der Aufgabe gewünscht. Bums, da stand ich da wie eine nicht abgeholte Picksieben. Mein Glück, wie ich heute weiß.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Es tut sich momentan viel im Brückenbau. Wie würden Sie die Entwicklungen derzeit einschätzen? Ist jetzt die Zeit für Innovation angebrochen?

Prof. Bertram Kühn: Ich bin mir sicher, dass wir nach vielen Jahren der Stagnation nun wieder ein politisches und gesellschaftliches Umfeld haben, was neue Innovationen ermöglicht, ja sogar fordert. Der massive Investitionsstau in unserer Infrastruktur gepaart mit dessen Alter und der enorm gestiegen Belastung hat zu einem Umdenken geführt. Nicht zuletzt, weil jeder Bürger eher mehr als weniger fast täglich zu spüren bekommt, was es heißt, wenn Infrastruktur nicht oder wenn zumindest nicht reibungslos zur Verfügung steht. Dieser Leidensdruck auf Seiten der Bürger gepaart mit der Einsicht vieler Politiker, hier ein wirklich wichtiges Thema vor der Brust zu haben, hat zuletzt bei allen Verkehrsträgern Geldmittel locker gemacht, die neue Innovationen als Anschub stets brauchen. Aber auch die Bereitschaft der bisweilen als sehr, sehr konservativ geltenden Vertreter von Baulastträgern auch mit dem Risiko von Rückschlägen einfach mal was Neues auszuprobieren hat deutlich zugenommen. Jetzt müssen wir Ingenieure nur noch liefern und tun dies, wie man es von uns gewohnt ist, bereits fleißig und mit Hingabe.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Vor Ihrem Ruf an die Hochschule waren Sie zuletzt fünf Jahre im Ingenieurbüro Verheyen angestellt, wo Sie weiterhin – inzwischen in der Funktion eines wissenschaftlichen Beraters – tätig sind. Welches Projekt sticht für Sie aus dieser Zeit besonders hervor und warum?

Prof. Bertram Kühn: Nun dies dürfte, wie bei jedem anderen Brückenbauer auch, die erste Brücke sein, für die man vom ersten Bleistiftstrich über die Ausarbeitung des Entwurfes, die Ausschreibung und letztendlich auch die Begleitung des Baus in allen Phasen hauptverantwortlich ist. Bei mir war dies der Eiweiler Viadukt in Heusweiler (Saarland). Eine Bahnbrücke, die im Zuge einer Reaktivierung einer Bahnstrecke in Teilen neu gebaut bzw. instand gesetzt werden musste. Sowohl die Lage mitten in bebautem Gebiet des Stadtteils Eiweiler als auch besondere Herausforderungen wie zum Beispiel bestehender Denkmalschutz haben dieses Projekt sehr anspruchsvoll gemacht. Wenn man diese Herausforderungen dann meistert, das Bauwerk in Betrieb ist, in der Bevölkerung Anerkennung findet und man dann sagen kann: „Das ist meine Brücke!“, das ist schon etwas ganz Besonderes.

Redaktion Betrifft Konstruktiver Ingenieurbau: Was hat aus Ihrer Sicht bei dem Projekt der Grundinstandsetzung und Teilerneuerung des Eiweiler Viaduktes besonders vorbildhaft funktioniert?  

Prof. Bertram Kühn: Eindeutig die Zusammenarbeit mit dem Bauherrn bzw. dessen Vertretern. Wir hatten hier das große Glück auf solche Bauingenieurkollegen zu treffen, die auf der einen Seite selbst einen hohen Sachverstand mitgebracht und damit sich durchaus auch aktiv ins Projekt eingebracht haben, auf der anderen Seite aber auch uneingeschränktes Vertrauen in unsere Arbeit hatten. Dies ist nicht selbstverständlich, wenn man vorher noch nie zusammen gearbeitet hat, jedoch zwingende Voraussetzung dafür, dass sich ein Schiff auch dann noch sicher gemeinsam steuern lässt, wenn die See mal stürmischer wird. Zusammenarbeit auf Augenhöhe, in der Sonne und im Regen. Letzteres ist heutzutage sonst leider eher selten.

Vielen Dank für das Interview!

 


Kurzprofil des Stahlbau-Experten Prof. Dr.-Ing. Bertram Kühn

Seit 2013: Professur Stahl-, Verbund- und Ingenieurbau an der Technischen Hochschule Mittelhessen; Campus Gießen

Seit 2012: Vollmitglied des DIN NABau, Gremium "Tragwerksbemessung"

Seit 2012: Vorsitzender der europäischen Arbeitsgruppe zur Weiterentwicklung der EN 1993, Teil 1-10 "Werkstoffwahl"

Seit 2009: Vertreter für Deutschland im Europäischen Brückenkomitee der ECCS

Seit 2008: Vom Eisenbahn-Bundesamt anerkannter Prüfingenieur, Fachgebiet Stahlbau

Seit 2008: Mitglied Fachgemeinschaft Brückenbau (DSTV)

2008-2013: Ingenieurbüro Verheyen - Ingenieure GmbH & Co. KG; Leiter der Abteilung Ingenieurbau und Prokurist

2005: Verleihung der Borchers-Plakette der RWTH Aachen für die ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeit

2005: Promotion RWTH Aachen, Prof. Sedlacek, summa cum laude; Thema: Werkstoffwahl zur Vermeidung von Sprödbruch

2003-2008: Ingenieurbüro Prof. Sedlacek & Partner (PSP) GmbH; Sachbearbeiter, später auch Projektleiter

Seit 2000: Vorsitzender der Europäischen Expertengruppe WG 6.1 "Beurteilung bestehender Stahlbrücken" im Technischen Komitee 6 „Ermüdung der ECCS

1998-2003: Promotion am Lehrstuhl für Stahlbau von Prof. Sedlacek, RWTH Aachen

1998: Abschluss Diplom – Ingenieur

1991-1998: Studium Bauingenieurwesen, RWTH Aachen

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