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Land des Monats Mai: Russland - TeilI

Land des Monats Mai: Russland

Der Ukraine-Konflikt hat die guten deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen stark beschädigt. Die von der EU verhängten Sanktionen haben auf beiden Seiten zu wirtschaftlichen Einbußen und starkem gegenseitigem Misstrauen geführt. Dennoch sind mit der Schwäche Russlands auch Chancen für deutsche Unternehmen verbunden. 

Die aktuelle Wirtschaftslage Russlands

Russland sieht sich auf Grund der Sanktionen großen wirtschaftlichen Problemen gegenüber. Die restriktiven Maßnahmen wirken sich auf russische Unternehmen aus in Bezug auf die Beschaffung von Hochtechnologien und die Finanzierung von Investitionen. Betroffen sind Rüstungsgüter, Dual-use-Güter, bestimmte Bereiche der Erdölförderung sowie staatliche Banken. Das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung geht für das Jahr 2015 von einer Zunahme der Wirtschaftsleistung von nur leicht über null aus – einem BIP-Zuwachs von 0,5 %.

Staatsaufträge für Rüstungsbetriebe kurbeln die Industrie an

Die Entwicklung der russischen Industrie verläuft derzeit sehr uneinheitlich, denn sie ist sehr branchenabhängig. Während private Unternehmen Investitionen vermehrt zurückhalten, Finanzierungsmöglichkeiten nur zu unvorteilhaften Konditionen erhältlich sind und ausländische Investoren keine neuen Projektvorhaben mehr umsetzen, sorgen umfangreiche Staatsaufträge für Rüstungsbetriebe dennoch dafür, dass die Industrie schneller als das Bruttoinlandsprodukt zulegt. Hauptprofiteur sind demnach die Hersteller von Schiffen, Flug- und Weltraumtechnik sowie anderen Transportmitteln wie rollendem Material für die Schiene, aber auch schwerem militärischem Gerät. In diesem Sinne sollen die Verteidigungsausgaben 2015 um 21,5 % aufgestockt werden (Quelle: Russisches Institut „Zentrum für Entwicklung“ bei der Moskauer Hochschule für Ökonomie, 2015).

Das Produktionswachstum lag in der oben genannten Warengruppe in den ersten acht Monaten 2014 bei 26,9 % im Vergleich zum Vorjahr. Abnehmer dieser Güter sind ausnahmslos staatliche Stellen und die staatliche Eisenbahngesellschaft RZD. Nicht zu vernachlässigen sind bei dieser Betrachtung auch die Ausfuhren von Rüstungsgütern, die künftig sogar noch ansteigen dürften. Im Rahmen von Staatsbesuchen und Road Shows werden aktuell weitere Märkte in Lateinamerika, Afrika und Asien erschlossen.

Russische Automobilindustrie verzeichnet starke Einbußen

Dagegen brach die Produktion im zivilen Straßenfahrzeugbau in den ersten acht Monaten 2014 um 8,8 % ein. Insbesondere private Konsumenten haben in Zeiten sinkender Realeinkommen und teurer Finanzierungen Konsumgüter, wie Neuwagenkäufe, verschoben oder erwarben ein Gebrauchtfahrzeug. Zudem wurde die Anschaffung neuer Dienstfahrzeuge in Unternehmen und öffentlicher Verwaltung auf ein Mindestmaß gekürzt. 

Substitution von EU-Importen durch eigene Produktionen

Der verarbeitenden Industrie machen vor allem die Sanktionsbestimmungen zu den Gütern mit doppeltem Verwendungszweck zu schaffen. Viele russische Firmen haben große Probleme bei der Importfinanzierung, da Kredite knapp und teuer sind. Der Trend geht zur Substitution von EU-Importen durch eigene Produktion oder Einfuhren aus Ländern, die keine Restriktionen gegen Russland beschlossen haben. 

Auswirkungen des Rubeleinbruchs auf die russische Wirtschaft

Die Sanktionen der EU und der USA werden zweifellos langwierige Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben. Der russische Premierminister Dmitri Medwedjew kündigte bereits eine grundlegende Änderung der Haushalts- und Wirtschaftspolitik an. Als kausale Folge der Sanktionen musste der russische Rubel stark abwerten, was sowohl Druck auf die russischen Konsumenten setzt als auch die Verpflichtungen der russischen Regierung gegenüber großen Staatskonzernen und staatlichen Banken steigen lässt, da diese sich im Ausland Geld nur noch zu erschwerten Bedingungen refinanzieren können. Hier werden langfristig Subventionen, Zuschüsse und zinsverbilligte Kredite in Milliardenhöhe erforderlich. 


Ein weiteres Problem, das derzeit bewältigt werden muss, ist die Kapitalflucht; das russische Wirtschaftsministerium beziffert die Kapitalflucht für das Jahr 2014 auf ca. 125 Mrd. US-Dollar. Diese Kapitalflucht zehrt auch an den Gold- und Devisenreserven der russischen Zentralbank, welche sich mit Stand vom 1. 8. 2014 auf 468,76 Mrd. US-Dollar verringerten.

Sprudelnde Staatseinnahmen durch Rubelabwertung

Für den russischen Staat ist die Abwertung der Landeswährung nicht nur negativ, beschert sie dem Fiskus doch erhebliche Mehreinnahmen. Exportgewinne auf Dollarbasis entsprechen nominal nunmehr einer größeren Rubelmenge. Dadurch sprudeln die Einnahmen aus den Exportzöllen auf Erdöl, Erdölprodukte und Erdgas so heftig wie schon lange nicht mehr. Allein im Zeitraum von Januar bis Oktober 2014 flossen dem Haushalt ungeplante Einnahmen von annähernd 2,5 Billion Rubel zu (etwa 51 Mrd. Euro; 1 Euro = 58,4 Rubel; EZB-Wechselkurs vom 28. 10. 2014). Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags (15. 2. 2015) betrug der Rubelkurs zum Euro mittlerweile 72,26 Rubel.

Russland intensiviert Wirtschaftsbeziehungen mit China 

Absehbar ist eine Intensivierung der Wirtschaft um Geschäfts- und Finanzierungsmöglichkeiten aus dem asiatischen Raum, insbesondere aus der VR China. Die in der jüngsten Zeit von Rosneft, Gazprom und Novatek unterzeichneten Lieferverträge mit chinesischen Großkunden können als eine Grundlage für weitere und dauerhafte Wirtschaftsbeziehungen angesehen werden. 

Für deutsche Exporteure zeichnet sich daher ein verändertes Bild ab:

  • Der EU-Konflikt mit Moskau schlägt massiv auf die deutschen Exporte nach Russland durch, bezeichnend dafür sind die verzeichneten Rückgänge der Ausfuhren nach Russland. Im Jahr 2012 lag der Warenumsatz zwischen Deutschland und Russland bei knapp 80 Mrd. Euro, davon entfielen 42 Mrd. Euro auf Einfuhren aus Russland und 38 Mrd. Euro auf deutsche Ausfuhren. 2013 sanken die Ausfuhren nach Russland wegen der schwachen Konjunktur auf 23,3 Mrd. Euro, doch mit den gegenseitigen Sanktionen nimmt der Abwärtstrend nun richtig Fahrt auf. Im Dezember 2014 betrugen die Ausfuhren laut Statistischem Bundesamt ganze 7 Mrd. Euro. Auf der Liste der wichtigsten Empfängerländer für Produkte „made in Germany“ sackte Russland im Jahre 2014 auf Rang 13 ab. 
  • Deutschland ist für Russland, neben der VR China und den Niederlanden, nach wie vor einer der wichtigsten Handelspartner. Circa 6.200 Firmen sind in Form von Tochtergesellschaften oder Repräsentanzen in Russland aktiv. Auch Russland wird für Deutschland als strategischer Partner immer wichtiger. So ist das Land mit einem beträchtlichen Anteil Hauptenergielieferant am deutschen Öl- und Gasimport vor Norwegen und Großbritannien bzw. den Niederlanden. Außerdem kommt circa ein Drittel des von Deutschland benötigten Rohöls aus Russland. Leider ist das Image Russlands als zuverlässiger Energielieferant durch den Energiestreit der letzten Jahre mit der Ukraine stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Somit werden auch immer die Überlegungen bestehen bleiben, die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas zu minimieren.

Krise bringt Chancen für deutsche Exporte

Es klingt paradox, aber Russlands Stärke ist gleichzeitig Russlands Schwäche. Der starke Rohstoff- und Energiesektor in Russland führt dazu, dass Russlands Investoren keinen Anlass sehen, stärker in die Industrieproduktion zu investieren. Viel zu verlockend sind die Gewinne, die mit Erdöl- und Erdgasgeschäften zu erzielen sind. Damit ist die Wettbewerbsfähigkeit russischer Unternehmen mit Ausnahme weniger Branchen insgesamt sehr schwach. Umfangreiche Importe von Gütern werden weiterhin notwendig sein, wodurch sich eine Vielzahl von Chancen auch für deutsche Exporteure ergibt.

Über die Absatzchancen deutscher Unternemen in Russland informieren wir im Beitrag: Land des Monats Juni: Russland – Teil II

Quelle: Online-Anwendung "Export Plus", Bundesanzeiger Verlag, Köln

Foto: adpic – © I. Lubnevskiy

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