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Kritik an der Punktwertmethode

Punktwertmethode

Kritiker der Punktwertmethode führen sehr häufig an, dass sie vor allem auf Basis von Schätzungen und Annahmen erstellt wird und somit gar nicht genau genug sein kann, um eine belastbare und verlässliche Entscheidung für wichtige Projekte eines Unternehmens zu treffen. Dagegen sei angeführt, dass auch bei allen anderen betriebswirtschaftlichen Instrumenten für die Bewertung von komplexen Vorhaben, etwa Rentabilitäts- oder Investitionsrechnungen, zu großen Teilen auf Schätzungen und Annahmen zurückgegriffen werden muss.

Im Unterschied zur Punktwertmethode wird bei diesen Verfahren aber vor allem ein einziger Euro- bzw. Prozentwert ermittelt. Dennoch basieren z. B. Umsatz- oder Kostenzahlen stets auf den Annahmen und Prognosen der beteiligten Mitarbeiter und können damit ebenfalls nicht „genau“ sein. Überraschungen sowie Abweichungen nach oben oder unten sind bei allen Verfahren möglich und auch wahrscheinlich, weil sich die Zukunft nie exakt prognostizieren lässt.

Die Punktwertmethode hat hingegen den entscheidenden Vorteil, dass sie neben den rein monetären Aspekten auch noch qualitative Sachverhalte umfassend analysiert, die bei klassischen monetären Systemen nicht berücksichtigt werden. Zudem ist der Lerneffekt nicht zu unterschätzen, der entsteht, weil man sich mit nahezu allen Bereichen und Funktionen des Unternehmens befasst. Nicht zuletzt sorgt die empfohlene Teamzusammensetzung dafür, dass unterschiedliche Meinungen in die Bewertung einfließen und zu einseitige oder „rosarote“ Bewertungen vermieden werden.

Und wie bei jeder Methode gilt, dass man, wenn die Risiken und Grenzen bekannt sind, in der Regel durchaus zu richtigen und verlässlichen Entscheidungen gelangt. Dies zeigt auch die Praxis im Umgang mit der Punktwertmethode. In den meisten Fällen gelingt es, zu realistischen Einschätzungen zu gelangen und somit eine wirkungsvolle Entscheidungshilfe zu geben. Nennenswerte Fehler treten vor allem dann auf, wenn es keine interdisziplinären Teams und keine gemeinsamen bzw. einstimmigen Entscheidungen gibt (vgl. auch Tipps und Tricks).

Grundsätzliche Vorgehensweise und Durchführung

Die grundlegende Durchführung der Punktwertmethode kann mit folgenden wesentlichen Arbeitsschritten vorgenommen werden:

  1. Umsetzung mit Hilfe eines interdisziplinären Teams, um möglichst viele unterschiedliche Meinungen zu erhalten und einseitige Bewertungen oder Manipulationen weitgehend vermeiden zu können
  2. konkrete Beschreibung des Vorhabens und der Ziele, die verfolgt und innerhalb einer festgelegten Zeit erreicht werden sollen, z. B. Aufnahme von Exporttätigkeiten in Land X und hierdurch Ausweitung von Umsatz und Ergebnis ab 2012 von jährlich mindestens 5 %
  3. Abgleich der Vorhabenziele und der bereits vorhandenen Unternehmensziele, z. B. Umsatzwachstum von im Schnitt 3 % pro Jahr lässt sich nur durch Aufnahme oder Ausbau der Exporte erreichen, wenn im Zielland höhere Wachstumsaussichten bestehen
  4. Ansatz eines realistischen Zeitrahmens von meist mehreren Wochen (vgl. auch Punkt 1.21.2.4) sowie ggf. Bereitstellung zusätzlicher Mittel, um z. B. Recherchen und Reisen bezahlen zu können
  5. Erstellen von „Spielregeln“, die Manipulationen und Einflussnahmen verhindern oder reduzieren sollen. Zu den Spielregeln gehört u. a., dass Faktoren, Kriterien, Gewichtungen, Zielgrößen, Staffelungen bei der Punktvergabe und das Gesamtergebnis nur gemeinsam und schriftlich verabschiedet werden und gegenüber der Geschäftsleitung eine abgestimmte und verbindliche Entscheidungsempfehlung abgegeben wird. Außerdem sollte ein umfassender Projektabschlussbericht mit allen relevanten Sachverhalten erstellt werden, um alle Entscheidungen und Besonderheiten jederzeit eindeutig nachvollziehen zu können.
  6. Auswahl der Faktoren, die für den betrachteten Sachverhalt oder das Projekt relevant sind, z. B. Absatzmarkt, Wettbewerber, Beschaffung, Kosten, Infrastruktur
  7. Festlegung, wie viele Punkte ein Faktor maximal erhalten kann. Die Festlegung der Maximalpunktzahl ist gleichbedeutend mit der Gewichtung bzw. der Bedeutung der Faktoren für das Vorhaben. Anders ausgedrückt: Je höher der maximale Punktwert, desto bedeutender und erfolgskritisch ist der Faktor für das Vorhaben. Wird z. B. für den Faktor Absatzmarkt ein Wert von 20 Punkten vorgegeben, ist das gleichzusetzen mit einer Gewichtung oder Bedeutung des Faktors von 20 %. Die Gewichtung der Faktoren hat wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis und muss daher besonders sorgfältig vorgenommen werden.
  8. Insgesamt dürfen in der Summe für alle Faktoren maximal 100 Punkte vergeben werden.
  9. Festlegung, welcher Mindestpunktwert insgesamt erreicht werden soll, damit ein Vorhaben überhaupt durchgeführt werden soll, z. B. 75 oder 80 Punkte. Vorhaben, die weniger als die Mindestpunktzahl erreichen, sollten aus betriebswirtschaftlicher Sicht grundsätzlich nicht durchgeführt werden. Diese Regelung ist nicht nur bei der Bewertung einzelner Vorhaben wichtig, sondern vor allem bei der Bewertung mehrerer Alternativen. Denn wenn zwei Vorhaben nur sehr geringe Punktwerte erreichen, z. B. 30 und 25 Punkte, müsste eigentlich das mit der höheren Punktzahl umgesetzt werden. Bei sehr niedrigen Werten sind die Erfolgsaussichten aber von vornherein extrem gering.

    Tipp
    Auch hier zeigen die Erfahrungen aus der Praxis, dass ein Vorhaben mindestens zwischen 75 und 80 Punkten erreichen sollte, damit es überhaupt umgesetzt werden darf. Projekte, die einen niedrigeren Punktwert erreichen, unterliegen fast immer extremen Umsetzungs- und Misserfolgsrisiken. Eine Umsetzung von Projekten mit weniger Punkten als der Mindestpunktzahl sollte, wenn überhaupt, nur aus strategischer Sicht erfolgen und muss zwingend von der Geschäftsleitung abschließend entschieden (und begründet) werden.
  10. Festlegung und Beschreibung der Beurteilungskriterien für jeden Faktor, d. h. Festlegung, woran man im Unternehmen festmacht, wie ein Faktor konkret bewertet werden soll

    Beispiel
    Faktor Absatzmarkt: Als Bewertungskriterien können z. B. Anzahl potenzielle Kunden, Kaufkraft und Altersstruktur in Betracht kommen. Auch bei der Wahl der Kriterien muss besonders sorgfältig vorgegangen werden, denn sie stellen die eigentliche Basis für die Bewertung dar. Es sollte daher nicht nur darauf geachtet werden, dass wirklich relevante Kriterien gewählt werden, sondern dass auch die Möglichkeit besteht, an Daten zu gelangen oder zumindest fundierte Schätzungen abgeben zu können.
  11. Festlegung eines maximalen Punktwertes für jedes Beurteilungskriterium; die Summe der maximal möglichen Punkte der Beurteilungskriterien ist identisch mit der maximalen Punktzahl der Faktoren. Beispiel Faktor Absatzmarkt: Maximal sollen 20 Punkte vergeben werden, wobei für die Kriterien Anzahl potenzielle Kunden, Kaufkraft und Altersstruktur ihrerseits acht, sieben und fünf Punkte vergeben werden können.
  12. Festlegung der Zielgröße, bei dem ein Kriterium den maximalen Punktwert erreicht, sowie Festlegung der Abstufungen, bei denen ein geringerer Punktwert vergeben wird. Beispiel Faktor Absatzmarkt, Kriterium Kaufkraft: Wenn eine Kaufkraft von 25.000 Euro je Kunde überschritten wird, werden sieben Punkte vergeben. Bei mehr als 24.000 Euro Kaufkraft werden sechs Punkte bei mehr als 23.000 Euro fünf Punkte vergeben usw.
  13. Festlegung und Auswahl der Datenquellen, die für die Erhebung der Informationen genutzt werden sollen, z. B. Recherchen vor Ort, AHK, eigene Erfahrungen oder Internet-Datenbanken

    Tipp
    Falls irgend möglich sollte nicht nur auf Sekundärquellen zurückgegriffen werden. Besuche vor Ort mit persönlichen Gesprächen und Besuchen potenzieller Partner sind unverzichtbar, um sich ein vollständiges Bild zu machen. Sind derartige Besuche nicht umsetzbar, weil z. B. das Budget nicht vorhanden ist, sollten unbedingt Gespräche mit befreundeten Unternehmen oder anderen Personen (z. B. aus Unternehmernetzwerken) geführt werden, die über Erfahrungen mit dem Land oder ähnlichen Projekten verfügen. Für die Beschaffung primärer Informationen haben sich auch Messen, Kongresse oder berufliche Netzwerke bewährt.
  14. Durchführung der Bewertung für jeden Faktor und der Kriterien je Vorhaben. Dieser Schritt ist der zentrale Aspekt der Punktwertmethode und verursacht den größten Arbeits- und Zeitaufwand. Beispielsweise müssen umfassende Recherchen vorgenommen, Gespräche geführt, Besuche getätigt und sonstige Daten analysiert und ausgewertet werden. Im Anschluss müssen im Team die Auswertungen und Ergebnisse diskutiert und möglichst einstimmig verabschiedet werden.
  15. Addition der erreichten Punkte pro Vorhaben sowie Entscheidung für ein Vorhaben
  16. Abschluss der Bewertung und Erstellung einer Dokumentation, um bei der nächsten Bewertung schneller agieren zu können und gemachte Fehler nicht zu wiederholen

Zeit- und Arbeitsaufwand richtig einschätzen

Der Arbeits- und somit Zeitaufwand, der für eine vollständige und sorgfältige Bewer-tung benötigt wird, sollte nicht unterschätzt werden. Abhängig von der Komplexität eines Vorhabens und der Anzahl der zu untersuchenden Alternativen können durch-aus vier bis acht Wochen, in Einzelfällen sogar drei bis vier Monate vergehen. Zwar wird in dieser Zeit in der Regel nicht ausschließlich an der Bewertung gearbeitet und die Teammitglieder können auch ihren Regelaufgaben an ihrem normalen Arbeits-platz nachgehen. Dennoch sind die Mitarbeiter meist rund 40 bis 50 % der verfügba-ren Arbeitszeit für die Bewertung tätig; wenn persönliche Recherchen vor Ort oder Messebesuche und Ähnliches hinzukommen, erhöht sich der Anteil schnell auf 60 % oder mehr. Zudem sollten wöchentlich ein bis zwei Projekttreffen stattfinden, um sich austauschen, Zwischenergebnisse präsentieren und strittige Fragen beantworten zu können.

Quelle: Export Plus, CD-ROM, Bundesanzeiger Verlagsges. mbH, Köln

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